Es war das erste Heim­spiel des VfB Stutt­gart in der euro­päi­schen Königs­klasse seit 1992. ​Die Stim­mung im Sta­dion war das Beste, was ich in meiner Kar­riere erlebt habe. Das Publikum hat sich regel­recht in die Partie hin­ein­ge­stei­gert und die Mann­schaft getragen“, erin­nert sich Heiko Gerber, Mit­glied jener jungen und wilden VfB-Mann­schaft, die 2003 in der Grup­pen­phase der Cham­pions League den haus­hohen Favo­riten Man­chester United mit 2:1 zurück auf die Insel schickte. Beson­ders Philipp Lahm wuchsen ange­sichts der Atmo­sphäre damals Flügel. Wie ist es sonst zu erklären, dass der nur 1,70 Meter kleine Ver­tei­diger im Mit­tel­feld ein Kopf­ball­duell gegen Gary Neville (1,75 Meter) gewann und mit dieser Vor­lage die gesamte Abwehr aus­he­beln konnte? Lahm machte den Weg frei für Imre Sza­bics, der mit einem Schlenzer das 1:0 für den VfB erzielte. Und als Kevin Kuranyi nur zwei Minuten später mit einem ähn­lich sehens­werten Treffer den Vor­sprung auf 2:0 aus­baute, gab es im Gott­lieb-Daimler-Sta­dion kein Halten mehr.

Ich hatte einen Sitz­platz auf der Geraden, aber gesessen hat ab der 10. Minute keiner mehr“, schwärmt Frank Emele, der seit 1975 regel­mäßig zum VfB geht. ​Das war Wahn­sinn. Noch heute trägt jeder dritte Fan die Cham­pions-League-Mütze von damals!“
Die Stim­mung kochte, obwohl das ehe­ma­lige Neckar­sta­dion in Sachen Atmo­sphäre ein großes Han­dicap hat: Eine Lauf­bahn umschließt trotz des WM-kom­pa­ti­blen Umbaus das Feld. ​Ansonsten wäre es bestimmt zehn bis 15 Dezibel lauter“, ist sich Heiko Gerber sicher. Die Fans stehen der Lauf­bahn gespalten gegen­über. Die Mehr­zahl der Anhänger plä­diert für eine Abschaf­fung der Leich­ath­le­tik­bahn, doch fürchten viele auch stren­gere Vor­schriften, die die Umwand­lung in eine reine Fuß­ball­arena mit sich bringen würde. Zudem hat die Leicht­ath­letik in Stutt­gart eine lange Tra­di­tion: Als dort 1993 die WM statt­fand, zeich­nete die UNESCO das schwä­bi­sche Publikum im Anschluss mit der Fair-Play-Trophy aus. Ein Sta­di­on­umbau hat des­halb nicht nur Für­spre­cher.

Bruddler-Men­ta­lität im Ländle

Doch auch in einem Stutt­garter Fuß­ball­tempel wäre eine enthu­si­as­ti­sche Stim­mung nicht hun­dert­pro­zentig gewähr­leistet: Denn im Ländle muss sich die Mann­schaft die Unter­stüt­zung der Zuschauer hart erar­beiten. Spe­ziell die Besu­cher auf der Haupt­tri­büne schimpfen bei Miss­erfolg schnell auf die ver­meint­lich über­be­zahlten Profis. ​Bruddler-Men­ta­lität“ nennt der Schwabe das. Wenn es nicht läuft, bleiben diese soge­nannten ​Fans“ den Spielen auch schnell mal ganz fern. Erst, wenn die Erfolgs­kurve wieder nach oben zeigt, kehren die ​Bruddler“ in Massen zurück. Him­mel­hoch jauch­zend, zu Tode betrübt, so die Psyche vieler Anhänger des VfB Stutt­gart. Bestes Bei­spiel: Der aktu­elle Zuschau­er­schnitt liegt bei 44 974. In der Saison 2000/01 – der VfB wurde am Ende 15. – kamen hin­gegen im Schnitt nur 24 124 Besu­cher ins Gott­lieb-Daimler-Sta­dion.

Dieser Wan­kelmut liegt den Fans in der Cannstatter Kurve fern. Dort steht der Groß­teil der Anhänger dem Klub in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite. Auch wenn ein Vor­sänger das übrige Publikum über eine Laut­spre­cher­an­lage anheizt, wird hier die Stim­mung in erster Linie durch eigene Ein­fälle der Fans gesteuert. Ver­ant­wort­lich dafür zeichnet vor allem das ​Com­mando Cannstatt 97“ (CC97), das Herz­stück der Cannstatter Fan­kurve. Die Gruppe der Stutt­garter Ultras umfasst etwa 60 Anhänger, sowie wei­tere 500 För­der­mit­glieder.

Die Ultra­grup­pie­rung prä­sen­tiert sich weit­ge­hend unpo­li­tisch und vor allem absolut unab­hängig. ​Wir ver­stehen uns als Motor der Kurve“, sagt Markus Schmalz, lang­jäh­riges Mit­glied des ​Com­mandos“. Als vor Jahren zwei Mit­glieder des CC97 unter äußerst frag­wür­digen Umständen ein deutsch­land­weites Sta­di­on­verbot vom SC Frei­burg erteilt bekamen, boy­kot­tierte die Gruppe aus Pro­test für eine Halb­zeit die Stim­mung. Die Folge: Im gesamten Gott­lieb-Daimler-Sta­dion herrschte eine Atmo­sphäre wie bei einem Geis­ter­spiel. Ohne die Stim­mungs­im­pulse vom CC97 sinkt der Geräusch­pegel beim VfB gerne mal auf Knei­pen­ni­veau. Die Grup­pie­rung, die zu den Vor­rei­tern der Ultra­be­we­gung in Deutsch­land zählt, unter­stützt ihr Team nicht nur laut­stark, son­dern wartet regel­mäßig mit neuen Kur­ven­cho­reo­gra­fien auf, mit denen sie ihre Krea­ti­vität unter Beweis stellen. ​In dem Spiel gegen ManU 2003 haben die Fans in der Cannstatter Kurve mit ein­zelnen Papp­ta­feln eine über­di­men­sio­nale VfB-Flagge gebildet“, schwärmt Heiko Gerber noch heute. Die vom CC97 initi­ierte Aktion erstreckte sich über die gesamte Cannstatter Kurve, in der knapp 10 000 VfB-Fans Platz finden. Ein wei­teres cho­reo­gra­fi­sches High­light aus der Cham­pions-League-Saison war die 2400 Qua­drat­meter große Ban­de­role mit dem VfB-Wappen und einem her­um­flie­genden Engel, die beim Sieg gegen die Glasgow Ran­gers aus­ge­rollt wurde. In Anleh­nung an den sport­li­chen Erfolg trug das Banner die Auf­schrift: ​Selbst die Engel ham’s erkannt, Stutt­gart außer Rand und Band“.

In der dies­jäh­rigen Cham­pions League-Saison hoffen die VfB-Fans auf eine ähn­lich erfolg­reiche Vor­runde wie 2003, als der VfB sämt­liche Heim­spiele gewann. Auch die neue Gene­ra­tion der jungen Wilden – Gomez & Co. – schickt sich an, auf der Euro­pa­po­kal­bühne mit der Unter­stüt­zung durch das ​Com­mando Cannstatt 97“ und wei­teren 57 000 Fans im Sta­dion für ein ähn­lich sport­li­ches und atmo­sphä­ri­sches High­light zu sorgen, wie sei­ner­zeit beim Spiel gegen ManU. Man darf gespannt sein, welche Aktionen sich die Ultras dieses Mal ein­fallen lassen werden, mit dem sie nicht nur das geg­ne­ri­sche Team beein­dru­cken, son­dern auch die ​Bruddler“ vor ihrer stän­digen Skepsis bewahren werden.

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11FREUNDE und Sony, offi­zi­eller Partner der UEFA-Cham­pions-League , suchen für die Partie VfB Stutt­gart gegen den FC Bar­ce­lona am 2. Oktober einen Reporter, der zusammen mit einem Profi-Reporter das Spiel ver­folgt.

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