In der Saison 1990/91 war bei uns der Wurm drin. Wir standen die meiste Zeit auf einem Abstiegs­platz, dann gab es noch diese Geschichte mit Vlado Kasalo, der zwei Eigen­tore an zwei auf­ein­ander fol­genden Spiel­tagen schoss – später hieß es, er habe sich bestechen lassen, um seine Wett­schulden zu bezahlen. Ich glaube da nicht dran. Ein Eigentor machte er mit dem Hin­ter­kopf in den Winkel – nie­mals Absicht!

Doch die Unruhe spie­gelte die Saison wider. Und als wir am 33. Spieltag mit einem Erfolg gegen den FC Bayern die Klasse hätten sichern können, ver­schoss ich einen Elf­meter. Wir ver­loren 0:1. Beim ent­schei­denden Spiel in Wat­ten­scheid lief es end­lich mal für uns: Wir führten kurz vor Ende mit 1:0 und St. Pauli, unser direkter Kon­kur­rent, lag 2:5 bei Borussia Dort­mund hinten. Die Sache war gegessen. Das spürten auch die Fans, die schon seit der Halb­zeit an den Zäunen hingen. Zehn Minuten vor Ende ließen die Ordner sie auf die Tar­tan­bahn. Sie standen dort und beju­belten jeden Pass – nach solch einer Saison ein wun­der­bares Gefühl. Dann, unge­fähr in der 85. Minute, ertönte ein Pfiff vom Schieds­richter. Der Abpfiff. Dachten zumin­dest alle. Ich riss die Arme hoch, die Fans stürmten den Rasen, um mich herum tanzten plötz­lich zehn bis fünf­zehn Leute. Wäh­rend wir zur Gegen­ge­rade liefen, zogen sie mir mein Trikot aus. Ich gab ihnen auch meine Schuhe.

Als ich mich dann umdrehte, traute ich meinen Augen nicht: Das Feld war mit einem Mal frei­ge­räumt und das Spiel lief weiter. Der Schieds­richter hatte ledig­lich Frei­stoß gepfiffen. Ich lief zurück aufs Feld, ohne Schuhe, mit freiem Ober­körper. Glück­li­cher­weise brachte mir ein Fan meinen rechten Schuh zurück. Danach rannte ich zu unserem Co-Trainer Willi Enten­mann, der mich bereits suchte. ​Trainer, hier bin ich“, rief ich. Enten­mann blieb ziem­lich cool, im Men­schen­pulk erblickte er einen Fan, der ein FCN-Trikot trug – ohne Nummer. Er wies den Fan an, mir sein Trikot zu leihen, der­weil zog er sich seinen linken Turn­schuh aus, der wie das Trikot min­des­tens drei Num­mern zu groß war. So bin ich aufs Feld, am rechten Fuß einen Fuß­ball­schuh, links einen Turn­schuh und am Körper ein XXL-Fan­trikot, und spielte die letzten Minuten. Der Schieds­richter bemerkte nichts und pfiff kurz darauf ab. Wieder stürmten die Fans das Feld, und scheinbar hatten sie mich als den Spieler aus­ge­macht, der sich gerne ent­blößt. Hansi Dorfner flüch­tete und schmiss sein Trikot genau vor meine Füße. Die Fans stürzten sich wie ein Wes­pen­schwarm auf das Trikot und zupften danach an mir herum. Ehe ich mich versah, war alles weg: Trikot, Stutzen, Schien­bein­schoner, auch der Turn­schuh von Enten­mann. Dann guckte ich an mir runter, selbst die Unter­hose war dahin. Ich rannte wieder los. Ein Ordner schrie: ​Wer ist denn dieser Nackte?“

Als ich in die Kabine kam, prus­teten meine Mit­spieler los: Ent­setzen paarte sich mit Freude. Am Montag rief mich ein Kumpel an: ​Jörg, du schaust super aus in der Zei­tung.“ In der Zei­tung? Ich blät­terte und blät­terte – und da sah ich mich, split­ter­nackt, neben dem Spiel­be­richt. Der Foto­graf hatte genau den Moment abge­passt, als ich meine Hände von meinem Geschlechts­teil genommen hatte. Dieses Bild hat sich im Gedächtnis der ​Club“-Fans ver­an­kert. Für manche bin ich der eins­tige Elf­me­ter­schütze, doch für die meisten: der Typ, der nackt über die Lohr­heide lief.