Ende 2001 stand der deut­sche Fuß­ball mal wieder am Rande des Abgrunds. Die letzten Tur­niere waren desas­trös ver­laufen, 1998 schied das Team im Vier­tel­fi­nale gegen Kroa­tien aus, 2000, bei der EM in Bel­gien und den Nie­der­landen, kam es noch schlimmer: Die DFB-Elf strich nach zwei Nie­der­lagen und einem Unent­schieden schon nach der Vor­runde die Segel.
 
In Qua­li­fi­ka­tion zur WM 2002 lief nicht alles schlecht, aber das meiste auch nicht son­der­lich gut. Gegen Finn­land spielte Rudi Völ­lers Team zweimal nur Unent­schieden. Beim 0:0 im Rück­spiel verlor das ZDF in der Halb­zeit­pause über eine Mil­lion Zuschauer, so unan­sehn­lich war der Kick. Und dann war da ja noch die his­to­ri­sche 1:5‑Pleite gegen Eng­land.
 
Deutsch­land, das seit 1954 an jeder WM teil­ge­nommen hatte, das sogar noch nie in einer Qua­li­fi­ka­tion zu einem großen Tur­nier geschei­tert war, drohte nun eine Kata­strophe monu­men­talen Aus­maßes. So der Tenor im Bou­le­vard. Über­setzt hieß das: Deutsch­land musste zwei WM-Playoff-Spiele bestreiten. Gegen die Ukraine.

Der Horror hat einen Namen“
 
Aller­orten legte sich eine blei­erne Schwere über das Land. Man fürch­tete sich vor den kan­tigen Beton­mi­schern der ukrai­ni­schen Defen­sive. Und man bekam zitt­rige Knie, wenn man nur den Namen ihres Star­stür­mers aus­sprach. So titelte die ​Ham­burger Mor­gen­post“ wenige Tage vor dem Hin­spiel in Kiew: ​Der Horror hat einen Namen: Schewtschenko“.
 
In der ​Bild“ schrieb der­weil Kolum­nist Franz Becken­bauer ange­sichts der mit­tel­mä­ßigen Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiele: ​So haben wir gegen die Ukraine keine Chance!“ Und stellte sich selbst die Frage: ​Was tun? Die ganze Mann­schaft aus­wech­seln? Schmarrn! Wir haben leider keine Bes­seren – und schon gar keine Welt­klasse-Spieler.“ Sein Fazit: Ein Aus in den Play­offs sei zwar ​unvor­stellbar“, aber ​rea­lis­tisch“.
 
Wo war all die Leich­tig­keit hin, der Opti­mismus? Was war nur seit 1990 pas­siert, als eben jener Franz Becken­bauer ver­kündet, dass Deutsch­land auf Jahre unschlagbar sei?

Karl-Heinz Rum­me­nigge kam als ​Psycho-Doktor“ mit
 
Die Tage vor dem ersten Spiel in Kiew gli­chen einem Psy­cho­kampf. Von allen Seiten pras­selten Rat­schläge auf Rudi Völler ein. An einem Tag hieß es, der Bun­des­trainer müsse drin­gend Oliver Kahn zum Kapitän ernennen. Am nächsten Tag rieten Experten, dass ein schneller Stürmer wie Alex­ander Zickler unbe­dingt gegen die Ukraine spielen müsse.
 
Um die volle Trag­weite und Hys­terie jener Tage zu begreifen, muss man eigent­lich nur wissen, dass Karl-Heinz Rum­me­nigge, damals Vize­prä­si­dent des FC Bayern, als ​Psycho-Doktor“ („Bild“) mit nach Kiew flog. Es sei, so ver­kün­dete der DFB, ​psy­cho­lo­gisch einiges zu tun“, und der Bayern-Mann der ideale Mann dafür.
 
In Kiew, am 10. November 2001, kam es zunächst tat­säch­lich so, wie es die noto­ri­schen Pes­si­misten und Welt­un­ter­gangs­fans pro­phe­zeit hatten. Die Ukraine ging durch Gen­nadiy Zubov in Füh­rung, und in jener 18. Minute bebte das Olim­piyskyi so stark, dass man sicher sein konnte: Sollte Deutsch­land nach einer Nie­der­lage nicht unter­gehen, würde zumin­dest Kiew bei einem Sieg kom­plett explo­dieren.