Geht es darum, die Erfolgs­ga­ranten des fran­zö­si­schen Teams aus­findig zu machen, fallen schnell die Namen Kylian Mbappé und Oli­vier Giroud. Zurecht, schließ­lich spielt Mbappé bei seiner zweiten WM-Teil­nahme so, als wolle er der ganzen Welt klar machen, dass die alternden Stars Messi und Ronaldo in ihm längst ihren Nach­folger gefunden haben. Und Oli­vier Giroud, der von Karim Ben­zemas Ver­let­zung pro­fi­tiert, beweist gerade zum zweiten Mal nach 2018, dass Les Bleus auch ohne den amtie­renden Welt­fuß­baller überaus erfolg­reich spielt. 2020 hatte Ben­zema noch gegen Giroud gesti­chelt: ​Mich mit ihm zu ver­glei­chen, ist wie die Formel 1 mit einem Go-Kart zu ver­glei­chen.“ Giroud beweist gerade, dass das Go-Kart auch mit 36 Jahren auf dem Kessel noch mehr als fahr­tüchtig ist. Er steht bei vier WM-Toren in Katar, Mbappé bei fünf.

Doch Didier Des­champs viel­leicht wich­tigster Spieler ist ein anderer Welt­meister von 2018. Einer, der sich bei diesem Tur­nier neu erfunden hat und dadurch wich­tiger ist als je zuvor: Antoine Griez­mann. 

Held im Hin­ter­grund

Wirft man nun einen Blick auf die erwei­terten Sta­tis­tiken der fran­zö­si­schen Mann­schaft, wird Griez­manns Wert für das Spiel seiner Mann­schaft deut­lich.

Mit sieben erfolg­rei­chen Tackles steht er mann­schafts­in­tern auf dem zweiten Platz. Inter­es­sant dabei: Keines seiner Tackles fand im Angriffs­drittel der Fran­zosen statt. Griez­mann ist auf dem gesamten Platz unter­wegs und hilft überall mit aus, im Spiel gegen Polen hatte er die höchste Lauf­di­stanz seines Teams. Sechs Mal konnte er geg­ne­ri­sche Bälle blo­cken, nur sein Mit­tel­feld-Kol­lege Adrien Rabiot blockte den geg­ne­ri­schen Ball noch häu­figer. Beim Abfangen des Balls (sog. ​Inter­cep­tions“) sind ähn­liche Werte ver­zeichnet: Vier Mal gelang es Griez­mann bei diesem Tur­nier einen Ball des Geg­ners abzu­fangen. 

Auch im Gegen­pres­sing prä­sen­tiert er sich von seiner besten Seite. Schon 24 zuvor ver­loren gegan­gene Bälle eroberte Griez­mann bei diesem Tur­nier zurück, in seiner Mann­schaft hat nur Bayern-Ver­tei­diger Dayot Upa­me­cano einen bes­seren Wert. Das sind mehr Bal­ler­obe­rungen als der deut­lich defen­si­vere Bra­si­lianer Cas­emiro oder das argen­ti­ni­sche Pen­dant Alexis Mac Allister bei diesem Tur­nier vor­zu­weisen haben.

Des­champs lässt seine Mann­schaft in einem dyna­mi­schen 4−2−3−1 System spielen, dass sich inner­halb eines Spiels in ein 4−3−3 ver­wan­deln lässt. In diesem Moment ist Antoine Griez­mann der ent­schei­dende Spieler. Er pen­delt zwi­schen der Zehner- und der Ach­ter­po­si­tion. War es 2018 N’Golo Kanté, der den Super­stars wie Mbappé oder eben Griez­mann den Rücken frei­hielt, ist es diesmal Griez­mann selbst der dafür sorgt, dass sich Mbappé auf seiner linken Seite zu einem sehr großen Teil auf sein Offen­siv­spiel kon­zen­trieren kann. Er erle­digt zwar nicht wie Kanté unmit­telbar zen­tral vor der Abwehr die Auf­gaben eines Hoch­leis­tungs-Staub­saugers, doch seine defen­sive Bereit­schaft auf der linken Ach­ter­po­si­tion ist von ent­schei­dender Bedeu­tung für den Team­er­folg.

Mit Messi der beste Spiel­ma­cher der WM

Sein Natio­nal­trainer Didier Des­champs erklärt Griez­manns neue Rolle wie folgt: ​Ich ver­lange jetzt andere Dinge von ihm, aber es ist nicht so, dass wir ihn geop­fert hätten. Er inter­pre­tiert seine Rolle sehr intel­li­gent und schafft ein Gleich­ge­wicht.“ Dass die Fran­zosen Griez­mann nicht ​geop­fert“ haben, belegen die Sta­tis­tiken eben­falls. So ist er für das Spiel mit dem Ball nach wie vor der Dreh- und Angel­punkt und nach Lionel Messi wohl der beste Spiel­ma­cher dieses Tur­niers. Mit 297 Ball­be­rüh­rungen haben nur zwei Fran­zosen häu­figer den Ball am Fuß. 

Seine Pass­quote von 79,3% ist nicht her­aus­ra­gend, sie rela­ti­viert sich jedoch beim Blick auf eine andere Sta­tistik. Denn kaum ein Spieler agiert in seinen Bal­lak­tionen so kreativ und damit risi­ko­reich wie Griez­mann. So kommen nicht nur seine drei Tor­vor­lagen zu Stande, son­dern auch 16 erfolg­reiche ​Key Passes“, also Pässe, die unmit­telbar zu einem Tor­schuss führen. Gemeinsam mit Lionel Messi führt er diese Sta­tistik an. Geht es um Dribb­lings, hat er eine Erfolgs­quote von 50%. Zusätz­lich dazu flankt Griez­mann mit hoher Qua­lität. So wie bei Girouds Siegtor gegen Eng­land.

Griez­mann ist Frank­reichs Schlüs­sel­spieler, weil er Mit­tel­feld und Angriff per­fekt ver­bindet“, sagte der Uru­gu­ayer Diego Forlan kürz­lich im Gespräch mit L’É­quipe. Griez­manns defen­sive Arbeits­moral, ver­bunden mit der außer­or­dent­li­chen Krea­ti­vität im Offen­siv­spiel, erweckt den Ein­druck, dass Didier Des­champs eine Art Hybrid erschaffen hat, die in Momenten das beste aus den zwei Welten von Lionel Messi und N’golo Kanté ver­kör­pert. Sollte Frank­reich es also tat­säch­lich schaffen und seinen WM-Titel ver­tei­digen, wird viel­leicht Kylian Mbappé zum besten Spieler des Tur­niers gewählt, viel­leicht auch Oli­vier Giroud. Bei näherer Betrach­tung sollte aller­dings nicht nur Diego Forlan klar sein, wer Frank­reichs ​Most Valuable Player“ bei diesem Tur­nier ist.