Vor rund 18 Jahren, am 2. Februar 2002, verneigte sich die Ostkurve des Weserstadions vor einem Fußballspieler. Ein riesiges „Danke“-Banner hing über dem Oberrang, während die Fans wieder und wieder den Namen des Mannes skandierten, der den Klub an diesem Tag verließ. Nicht alle konnten mitrufen, denn viele hatten einen Kloß im Hals. Unten auf der Laufbahn kämpften bekannte Fanvertreter sichtbar mit den Tränen. Sie alle wussten: Dies war das Ende einer grün-weißen Ära, denn ein großer Werderaner nahm Abschied.
Es ging natürlich um … nein, nicht um Torsten Frings oder Frank Rost, nicht um Andreas Herzog oder Claudio Pizarro. Der Mann, dem die Fans so inbrünstig dankten, hieß Andree Wiedener.
In der Rückschau wirkt diese Verehrung seltsam. Klar, Wiedener kickte fast fünfzehn Jahre für den Verein, das ist selbst bei einem so familiären Klub wie Werder schon eine beachtliche Hausnummer. Aber wenn man heute von Wiedener hört, dann hält er meistens als Paradebeispiel für etwas farblose, absolut durchschnittliche Profis her.
Held wider Willen
Diese Einstufung ist aus zwei Gründen unfair. Erstens kann per Definition niemand mittelmäßig sein, der zweimal Pokalsieger war und einmal sogar Meister. Frag nach bei all den zahllosen Berufsfußballern, die jahrelang ihre Knochen hinhalten und nie mehr feiern dürfen als mal einen Aufstieg oder nur den Klassenerhalt.
Zweitens galt Wiedener nicht nur den Bremer Fans als Ikone. Ja, dieses Wort ist nicht zu hoch gegriffen. Denn mindestens einen Sommerabend lang war der nimmermüde linke Außenverteidiger des SV Werder so eine Art Frodo aller Fußballfans. Ein Held wider Willen, der es mit den Mächten des Bösen aufnimmt, obwohl er keine besonderen Fähigkeiten zu haben scheint.
Das hing eng mit seinem Ruf als personifizierter (Unter-)Durchschnitt zusammen. Den hatte er nämlich, anders als vergleichbare „Fußballgötter“, nicht Fans oder Journalisten zu verdanken, sondern einem Kollegen. Die Rede ist von Mario Basler – und weil Basler-Bashing zwar Spaß macht, aber oft auch sehr billig ist, soll an dieser Stelle gleich erwähnt werden, dass Wiedener an der Sache nicht völlig unschuldig war.