Szymon Marciniak ist es gewohnt, dass sich alle Augen auf ihn richten. Nur zugejubelt wird ihm für gewöhnlich nicht. Völlig entspannt steht er auf einer hölzernen Bühne, lässt den Blick über das Publikum schweifen, das Mikrofon locker in der linken Hand. Er spricht ruhig. Über sich und seinen Weg an die Spitze des internationalen Fußballs. Dann zeichnet sich ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht ab. Er weiß, was als nächstes passieren wird – er hat es vorbereitet. Wie ein Zauberer greift er in die Brusttasche seines Jacketts. Und hat plötzlich eine goldene Weltmeister-Medaille in der Hand. „Nichts motiviert so sehr wie diese Goldmedaille“, sagtMarciniak zu dem überraschten Publikum und lächelt. „Ich will sie mir selbst umhängen. Ich bin nicht eitel, aber ich fühle mich besser damit.“ Und dann legt er sich die Medaille um den Hals.
Szymon Marciniak ist 42 Jahre alt und einer der besten Schiedsrichter der Welt. Die Goldmedaille hat ihm Gianni Infantino vor wenigen Monaten in Katar überreicht – als Anerkennung für die unaufgeregte Leitung des WM-Finals zwischen Argentinien und Frankreich im Dezember 2022. In wenigen Tagen soll er auch das Champions-League-Finale zwischen Manchester City und Inter Mailand pfeifen. Doch jetzt äußert eine polnische Antirassismus-Organisation Vorwürfe gegen den amtierenden Weltschiedsrichter. Hintergrund ist sein Auftritt als Bühnenredner bei einer Veranstaltung namens „Everest“ im Mai 2023 – einem Event, das mit dem polnischen Rechtspopulisten Sławomir Mentzen in Verbindung stehen soll. Was steckt hinter diesen Vorwürfen?
„Wir stehen auf gegen Juden und Homosexuelle“
Am 29. Mai 2023 hielt Szymon Marciniak im polnischen Kattowitz einen Vortrag. Es ging darin um sein Leben, seine Karriere als Schiedsrichter und seinen Aufstieg an die Weltspitze – das Finale von Doha. Und um die goldene Medaille. Organisator des Events war Sławomir Mentzen, ein populärer Bier-Unternehmer aus Toruń und führender Kopf der rechtspopulistischen Konfederacja-Partei in Polen. Diese Partei, benannt nach den für Rassentrennung und Sklaverei einstehenden Konföderierten Staaten im Amerikanischen Bürgerkrieg, gründete sich im Jahr 2019 und erfreut sich steigender Beliebtheit im Land. Insbesondere junge Männer stützen den radikalen Kurs der Partei – bei ihnen kommt sie aktuellen Umfragen zufolge auf 36%.
Parteikopf Sławomir Mentzen sprach auch auf der Veranstaltung in Kattowitz. Er ist jung, gerade einmal Mitte 30, und tritt als das charismatische, gut aussehende Gesicht der Konfederacja auf. Aus seiner antisemitischen, homophoben und rassistischen Gesinnung macht er keinen Hehl. Noch 2019 brach er das Programm seiner Partei auf einen berüchtigten „Fünf-Punkte-Plan“ herunter: „Wir stehen auf gegen Juden, Homosexuelle, Abtreibung, Steuern und die Europäische Union!“
Die „Everest“-Konferenz sollte, so stellte es Mentzen im Vorfeld dar, eine Networking-Veranstaltung mit anschließender Bierverköstigung sein. In der Realität verbarg sich dahinter jedoch der Wahlkampfauftakt seiner Partei, denn schon im Herbst finden in Polen Parlamentswahlen statt. Und dann könnte Mentzen mit der Konfederacja zum Königsmacher werden – sollte die nationalkonservative Regierungspartei PiS zu einer Koalition mit den Ultrarechten bereit sein. Für einen solchen Erfolg benötigt Mentzen jedoch prominente Unterstützung. Zum Beispiel die des polnischen Starschiedsrichters Szymon Marciniak.