Es ist 22:48 Uhr in Mün­chen: Cas­emiro liegt auf dem Boden und wursch­telt den Ball irgendwie ins Netz der Bayern. Wahr­schein­lich springen in Man­chester und überall auf der Welt in diesem Moment Fans der Red Devils auf, ein Gedanke schwirrt in den vom Bier bene­belten Köpfen herum: ​It’s Fergie-Time!“ Dieser Nimbus wurde wäh­rend Alex Fer­gu­sons Amts­zeit im Old Traf­ford geprägt. Selbst in der 90. Minute galt noch kein Spiel als ver­loren für Man­chester, erst mit dem Schluss­pfiff konnten sich die Gegner ent­spannen. 1999 in Bar­ce­lona beim Cham­pions-League-Finale mussten das die Bayern am eigenen Leib erleiden. Gut 24 Jahre später schafft ein gerade mal 18-Jäh­riger, was Effen­berg, Scholl und Jan­cker nicht gelingen wollte: Er trifft mitten hinein in die ​Fergie-Time“.

Dieser 18-Jäh­rige heißt Mathys Tel und ist der neue Stern am Stürmer-Himmel. In den 121 Minuten, die er in dieser Saison erst gespielt hat, sind ihm drei Tore und eine Vor­lage gelungen. Wer sind schon Erling Haa­land, Kylian Mbappé und Harry Kane? Selbst die besten Neuner des Kon­ti­nents können bei diesen Zahlen nicht mit­halten. Müßig zu erwähnen, dass auch kein anderer beim FCB aktuell so effi­zient netzt wie der Fran­zose. Wes­wegen sich eine Frage auf­drängt: Ist Mathys Tel gar der beste Bayern-Stürmer?

Die Sta­tistik trügt ein wenig

Die kurze Ant­wort lautet: Nein. Ein flüch­tiger Blick in ein­schlä­gige Sta­tis­tik­por­tale lässt zwar anderes ver­muten, wer genauer hin­schaut, sieht aber: Die Sta­tistik trügt. Zumin­dest ein biss­chen. Denn der Jung­star wird meist für die letzten 15 Minuten von Thomas Tuchel aufs Feld geschickt. Zu diesem Zeit­punkt ist das Gros der geg­ne­ri­schen Ver­tei­diger von Leroy Sané und Jamal Musiala schon so schwindlig gespielt worden, dass sie im Sechs­zehner her­um­irren wie Jack Grea­lish bei der Tri­ple­feier von Man­chester City. Zudem dürfte es der Tor­aus­beute durchaus zuträg­lich sein, wenn man Tor­chancen von Thomas Müller und Joshua Kim­mich ser­viert bekommt. Alles in allem gute Vorraus­set­zungen, um zu glänzen.

Klingt pole­misch? Ist es auch. Denn natür­lich sind Tels Leis­tungen trotz aller genannter Ein­schrän­kungen her­aus­ra­gend. Es kann gar nicht häufig genug betont werden, dass der Fran­zose immer noch erst 18 Jahre alt ist. Woche für Woche, mit jeder Ein­wechs­lung, beweist Tel eine Reife, die die Wenigsten in seinem Alter haben.

Ich will in Mün­chen besser werden“

Mathys Tel

Die Bayern haben auch schon ganz andere Erfah­rungen gemacht mit Talenten, die nicht so viel Spiel­zeit bekommen. Ryan Gra­ven­berch beschwerte sich in der ver­gan­genen Saison mehr­fach dar­über, wie ver­dammt unfair es doch sei, dass er in der Regel nur ein­ge­wech­selt wurde. Tel, der wie Gra­ven­berch im Sommer 2022 für um die 20 Mil­lionen Euro zum FCB geholt wurde, gibt sich da ganz anders. ​Ich will in Mün­chen besser werden“, sagte er Sky zu Beginn der Saison. Und er wird immer besser, immer wich­tiger für die Mann­schaft von Thomas Tuchel. Ganz anders Ryan Gra­ven­berch: Den haben die Bayern mit einer ordent­li­chen Gewinn­marge nach Liver­pool ver­schifft.

Gut, dass Mathys Tel nun über­haupt nicht zu dieser Art Spieler zählt. Von allen Seiten tosen Begeis­te­rungs­stürme, nicht nur wegen der Anlagen, son­dern auch auf­grund der Arbeits­ein­stel­lung des jungen Profis. Laut Sven Ulreich ist Tel ​ein feiner Kerl, ist wiss­be­gierig, lern­willig, boden­ständig und arbeitet viel an sich.“ Beim Gedanken an einen noch bes­seren Tel müssen den zukünf­tigen Geg­nern der Bayern vor Angst fast die Knie schlot­tern. Sollte er sich wei­terhin stetig ver­bes­sern, trifft bald ein neues Schreck­ge­spenst auf die Abwehr­reihen der Bun­des­liga. Was der 18-Jäh­rige bisher zeigt, ist ein jetzt schon beein­dru­ckendes Fähig­kei­ten­paket. Der Fran­zose ist schnell und tech­nisch ver­siert, er setzt sich gut auf engem Raum im Eins-gegen-Eins durch. Dazu kommt noch sein starker Abschluss mit beiden Füßen und auch im Kopf­ball­duell behauptet er sich. Und was vor allen Dingen her­aus­sticht, ist seine Fri­sche und Schnel­lig­keit im Kopf. Viele Spieler brau­chen immer ein paar Minuten, um auf dem Platz anzu­kommen. Tel dagegen ist sofort da und setzt seine Gegen­spieler unter Druck. Alles Attri­bute, die man Welt­klas­se­spie­lern zuschreibt.