„Ich nehme es niemandem übel“, sagte Jürgen Klinsmann kürzlich im Gespräch mit dem Kicker, „wenn er fragt: Wo ist er?“ Es ist eine Frage, die ihm in Südkorea zuletzt häufiger gestellt worden sein muss. Denn dort, wo Klinsmann mittlerweile arbeitet, vermissen ihn die Menschen. Weshalb sein Zitat bei den Verbandsoberen in Seoul sicher mit Interesse aufgenommen wurde. Immerhin ist um den Aufenthaltsort des Trainers inzwischen ein heftiger Streit im Land entbrannt.
Klinsmann hatte im Februar dieses Jahres das Traineramt bei den Red Devils übernommen, nachdem sein Vorgänger Paulo Bento bei der WM in Katar das Achtelfinale mit der Mannschaft erreicht hatte und dort nach einem 1:4 gegen Brasilien ausgeschieden war. Klinsmann versicherte beim Amtsantritt, er sei „sehr stolz und privilegiert“, jetzt in Südkorea zu sein und mit der Mannschaft arbeiten zu können. Der Deutsche habe 61 andere Kandidaten ausgestochen, sagte Michael Müller, Technischer Direktor beim südkoreanischen Verband, ebenfalls Deutscher. Klinsmann habe alle Kriterien erfüllt, sagte Müller, und: „Er ist bereit, hier in (Süd-)Korea zu bleiben.“ Die Standortfrage schien schon damals dem Verband besonders wichtig zu sein.
Südkoreas Medien sind verärgert
Weshalb es nun, nur etwa ein halbes Jahr nach der Nominierung, zum Zwist zwischen Trainer und Verband gekommen ist. Denn Klinsmann, so die Südkoreaner, würde zu wenig Zeit im Land verbringen. Nach dem Testspiel gegen Saudi-Arabien, das in Newcastle ausgetragen wurde, wollte Klinsmann eigentlich in England blieben und sich die Spiele einiger Nationalspieler in der Premier League ansehen. Stattdessen bat ihn der Verband mit Nachdruck, mit der Mannschaft zurück nach Seoul zu reisen. Dort könne er anschließend Spiele der K‑League besuchen.
„Ich habe meine Pläne geändert und werde mir zwei Spiele ansehen, kein Problem“, sagte Klinsmann zu Reportern, als das Flugzeug in Südkorea gelandet war. Und schob in Richtung der Journalisten nach: „Weil ihr danach gefragt habt.“ Südkoreanische Medien hatten zuvor kritisiert, dass Klinsmann zu viel Zeit im Ausland verbringe. Seit Amtsantritt soll er nur 67 Tage im Land gewesen sein, zwei Pressekonferenzen online aus den USA abgehalten haben. Zumal das sportliche Zwischenfazit bescheiden ausfällt: Keines der ersten fünf Spiele unter Klinsmann konnte Südkorea gewinnen, das 1:0 gegen Saudi-Arabien war der erste Sieg seit der WM.