11 Freunde: Herr Deisler, in welcher Jackentasche haben Sie Ihren Stapel Freikarten fürs WM-Finale?
Sebastian Deisler: Netter Versuch, aber das läuft bei uns Spielern ähnlich wie bei allen anderen. Es gibt ein kompliziertes Bestellformular, auf dem jeder einzelne Besucher eingetragen werden muss mit Wohnort, Adresse und Unterwäschengröße. Tut mir leid, alles was ich dabei habe, ist eine abgerissene Kinokarte.
11 Freunde: Kann man denn als Sebastian Deisler ungestört ins Kino gehen?
Deisler: Klar geht das. Natürlich erkennen die Münchner die Spieler des FC Bayern. Aber wenn mich ein Film interessiert, gehe ich ins Kino und lasse mich nicht davon abhalten. Ich verstecke mich nicht.
11 Freunde: In Woody Allens Film Match Point gibt es eine Szene, in der ein Tennisball auf der Netzkante hüpft. Je nachdem auf welche Seite er fällt, nimmt das Leben eine komplett andere Wendung. Kennen Sie diesen Moment aus eigener Erfahrung?
Deisler: Sicher, bei mir stand auch alles auf der Kippe nach meiner schweren Verletzung kurz vor der WM 2002. Die Frage war lange, ob ich überhaupt weiterspielen kann. Ich hatte Glück: Ich konnte. Das war auch so eine Art Netzroller.
11 Freunde: Haben Sie viel Glück gebraucht in Ihrer Laufbahn?
Deisler: Sicher habe ich auch Glück gehabt. Aber ich glaube, dass Glück nicht einfach nur Zufall ist. Wenn du vor 66?000 Menschen in der Allianz-Arena spielst und deinen Mann stehen musst, gehört auch etwas Können dazu.
11 Freunde: Vielleicht könnte man es auch Talent nennen.
Deisler: Ich bin jetzt 26 und dann ist es langsam mal gut mit dem Wort Talent. Es gab nun einmal ein paar Brüche in meiner Karriere. Deshalb konnte ich dieses Wort leider noch nicht ganz ausradieren.
11 Freunde: Wie schnell kann es gehen, dass Talent vom Segen zum Fluch wird?
Deisler: Von einem Fluch würde ich nicht sprechen. Mein Gott, ich spiele Fußball, es sah schon ganz anders aus bei mir. Insofern tangiert mich nicht mehr so sehr, was über mich geschrieben wird.
11 Freunde: Mussten Sie von jemandem gesagt bekommen, dass Sie talentiert sind?
Deisler: Dass ich ganz gut mit dem Ball umgehen kann, habe ich auch selbst gemerkt. Wobei, als es langsam überregional wurde in den Sichtungsturnieren, dachte ich immer, Mensch, in diesem großen Land gibt es bestimmt viele, die besser sind als ich.
11 Freunde: Sehr viele haben sich nicht auftreiben lassen.
Deisler: Wohl nicht. Aber ich habe damals ständig meinen Vater gefragt: Meinst du, ich schaffe das in die Bezirksauswahl Oberrhein? Meinst du, ich bin gut genug für die Südbadische Auswahl?
11 Freunde: Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als das erste Einladungsschreiben kam?
Deisler: Natürlich. Mich hat die Post nie sonderlich interessiert. Aber als die ersten Lehrgänge angefangen haben, bin ich jeden Tag an den Briefkasten gerannt. Irgendwann kam der erste Brief, auf dem stand: Deutscher Fußball Bund, an Sebastian Deisler. Das Schönste war aber, als ich in der Schule fragen musste, ob ich frei kriegen kann, weil mich, nun ja, der DFB eingeladen hat.
11 Freunde: Davon träumen viele Jungs. Wo kann man ansetzen, damit etwas daraus wird?
Deisler: Als ich neulich mal wieder zu Hause in Lörrach war, habe ich gesehen, dass an der Garage in meiner Straße ein Schild hängt mit der Aufschrift „Fußball spielen verboten“. An diesem Garagentor habe ich früher die Nachbarschaft terrorisiert. Wenn es dunkel wurde, habe ich mit meinem Vater im Hausflur weiter gekickt. Die Lampen und unser Telefon haben sehr gelitten. Aber mein Vater hat mich gelassen.
11 Freunde: Ihr Vater war so etwas wie ein Privattrainer?
Deisler: Kann man so sagen. Samstags hat er mich von der Schule mit dem Fahrrad abgeholt und dann sind wir direkt zum Spiel geradelt. Wir hatten eine 20 Kilometer lange Stammstrecke und einen Traditionsrastplatz im Wald. Dort durfte ich eine Lila Pause essen. Kurz vor dem Spiel, das darf man eigentlich gar nicht sagen, gab es dann noch Pommes mit Rahmsoße. So kam ich oft zehn Minuten zu spät zum Treffpunkt, aber dafür war ich schon warm.
11 Freunde: Was passierte in Ihrem engeren Umfeld, als klar war, da reift ein Nationalspielerkind heran?
Deisler: Ich hatte auch viel mit Neid zu tun in meiner Heimat. Das war nicht zuletzt einer der Gründe, warum ich mit 15 zu Borussia Mönchengladbach gegangen bin.
11 Freunde: Wo Sie sich in einer anderen Welt wieder gefunden haben.
Deisler: Ja, ich hatte Startschwierigkeiten, weil ich im Vergleich zu meinen Alterskollegen ein blonder Pimpf war. Vom FV Lörrach in die Jugendmannschaft eines Bundesligisten, das ist kein leichter Schritt. Dort sind schon mal alle ein bisschen arroganter und dann kommt da so ein Kind wie ich es damals war. Die haben mich teilweise ausgelacht. Ich hatte Heimweh und war echt kurz davor hinzuschmeißen. Aber Norbert Meier hat zu mir gesagt, nein, du bleibst hier. Beiß dich durch!
11 Freunde: Der Kopfnuss-Meier?
Deisler: Genau der. Der hat mich trotz meines Kleinwuchses gefördert, weil er selbst auch nie der Größte war.
11 Freunde: Und dann wurden Sie von der Pubertät erlöst.
Deisler: Ich konnte mir fast beim Wachsen zuschauen. Und plötzlich war alles ganz einfach. Vier Spiele U21, bei Gladbach zu den Profis hoch und dann gleich Nationalmannschaft. Das ging alles sehr schnell.
11 Freunde: Zu schnell, vielleicht?
Deisler: Kann sein. Ich war noch nicht gefestigt. Weder körperlich noch mental. Und dann sollte ich plötzlich überall spielen, weil ich halt auch gut war.
11 Freunde: In Ihrem elften Spiel haben Sie nach einem Alleingang über 60 Meter ihr erstes Bundesligator erzielt. Und mit einem Mal waren Sie das größte deutsche Talent seit Franz Beckenbauer.
Deisler: Mein Problem war, dass ich nach der WM 1998 allein auf weiter Flur war. Die Sehnsucht nach großen deutschen Talenten war so groß, dass sich in dem Moment alles auf mich fokussiert hat. Das hat sich noch einmal verstärkt, als ich am Saisonende nach Berlin gekommen bin. Die Stadt pulsierte, Hertha BSC war gerade auf dem Weg nach oben.
11 Freunde: Und Sie sollten das am Besten ganz alleine richten.
Deisler: Eine berliner Tageszeitung hat mal geschrieben: Als er kam, war sein Image schon da. Das trifft es auf den Punkt. Man hatte in Berlin schon vorgebaut, man hatte sich überlegt, was man aus mir machen könnte. Und das war einfach ein schwieriges Los. Da habe ich morgens in der Zeitung gelesen, welches meine Lieblingsjeans sind. Und ich wollte ein ganz normaler 20-jähriger Junge sein.
11 Freunde: Haben Sie der Stadt schon den Spitznamen verziehen, den Sie Ihnen gegeben hat?
Deisler: Basti Fantasti? Mir hat das nicht gefallen, das ist ja bekannt. Ich habe gemerkt, dass das langsam Dimensionen annimmt, die mir zu weit gehen. Ich habe erklärt, dass ich diesen Namen nicht haben will, aber das war hoffnungslos.
11 Freunde: Was würden Sie heute dem 19-jährigen Sebastian Deisler raten?
Deisler: Nichts gegen Hertha BSC, aber ich würde ihm raten, mit 19 nach München zu gehen. Dort verteilt sich der Hype auf mehrere Schultern. Ein junger Spieler kann sich dort in Ruhe entwickeln. In Berlin hat sich alles auf mich gestützt. Wobei ich das auf dem Platz ja auch wollte. Aber eben nicht so sehr außerhalb.
11 Freunde: Viele Menschen haben Ihnen zu Gute gehalten, dass Sie offensiv über Ihre psychischen Probleme gesprochen haben.
Deisler: Ich konnte damit nicht anders umgehen und ich wollte auch nichts vortäuschen. Deshalb habe ich das auch ehrlich zugegeben.
11 Freunde: Wissen Sie heute, was der Auslöser der Depression war?
Deisler: Es hat sich einfach zu viel angehäuft, was ich noch nicht verarbeitet hatte. Diese ganze Basti-Fantasti-Geschichte, die Veröffentlichung des Schecks bei meinem Wechsel von Berlin nach München, das Gefühl, eine ganze Stadt gegen mich zu haben. Ich saß in Berlin auf der Tribüne und wurde ausgepfiffen. Und ich konnte darauf keine Antwort geben, weil ich fünf Monate verletzt war. Trotzdem habe ich versucht, mich zusammen zu reißen, um bei der WM 2002 dabei zu sein. Ich bin quasi in Trance zur Reha gefahren und habe meine Übungen gemacht. Am Ende war ich ganz nah dran und dann habe ich mich beim letzten Testspiel gegen Österreich wieder schwer verletzt.
11 Freunde: Um Ihren Arbeitsplatz beim FC Bayern, Ihr Gehalt, Ihren Dienstwagen und Ihre Familie werden Sie von vielen Menschen beneidet.
Deisler: Ich kann mir schon vorstellen, dass viele vielleicht nicht verstanden haben, was ich eigentlich für Probleme hatte. Viele denken, dass in diesem Beruf alles wunderbar ist. Es ist auch wirklich ein Traumjob, aber gewisse Schattenseiten werden schnell übersehen.
11 Freunde: Die da wären?
Deisler: Vor allem diese Verherrlichung, diese Heldendarstellung, ist ziemlich gefährlich. Profifußballer sind ganz normale Menschen. Auch wir müssen uns zweimal täglich die Zähne putzen.
11 Freunde: Täuscht der Eindruck, dass Sie inzwischen mit ihrer Vergangenheit im Reinen sind?
Deisler: Nein, der täuscht überhaupt nicht. Heute ist heute und mir geht es großartig. Ich freue mich jeden Tag, auf den Platz zu gehen, meine Schuhe anzuziehen, den Geruch des frisch gemähten Rasens zu riechen, den Ball zu fühlen.
11 Freunde: Riecht denn der Rasen des FC Bayern anders als der des FV Lörrach?
Deisler: Da gibt es keine Unterschiede, wirklich nicht. Fußball riecht überall gleich. Klar, in der Allianz-Arena gegen Juve aufzulaufen, ist schon was Besonderes. Aber wenn es in der 35. Minute nur darum geht, an seinem Gegenspieler vorbei zu kommen, verschwimmen die Unterschiede wieder. Dann ist Fußball spielen wie Meditation. Egal wo.
11 Freunde: Verraten Sie bitte dem gemeinen Freizeitfußballer, wie man eine ordentliche Ecke vors Tor bringt.
Deisler: Man muss sich am Abwehrspieler, der am ersten Pfosten steht, orientieren und versuchen über ihn drüber zu spielen. Dann wird es gefährlich.
11 Freunde: Aber da steht dann der Torwart.
Deisler: Nein, meistens steht da der Michael Ballack und macht die Dinger rein.
11 Freunde: Ein für alle mal: Klappmesser, ja oder nein?
Deisler: Da muss ich ja sagen, weil wir das bei Felix Magath trainieren. Deswegen: super Übung.
11 Freunde: Kann Aberglaube im Fußball helfen?
Deisler: Anfangs habe ich das mal versucht, aber wenn du dann mal einen Gegenstand in der Kabine vergisst, von dem du denkst, ohne den geht es nicht, ist das natürlich tödlich. Man muss die Sicherheit in sich selbst suchen. Und nicht in einem Foto im linken Strumpf.
11 Freunde: Was ist das Wichtigste beim Putzen der Fußballschuhe?
Deisler: Hm, lange nicht mehr gemacht. Da bin ich auch, das will ich gerne zugeben, nicht unglücklich drüber. Regelmäßig einfetten, glaube ich.
11 Freunde: Beste Ausrede, wenn man bei Felix Magath zu spät zum Training kommt?
Deisler: Ich habe zu Hause noch Klappmesser geübt.
Interview: Boris Hermann
Aus 11 FREUNDE Nummer 52 – JETZT am Kiosk