Dieser Text stammt aus unserer 11FREUNDE CHRONIK 2022. Das Heft mit allen Bildern zum Fußballjahr gibt es am Kiosk eures Vertrauens oder hier bei uns im Shop.
Große Spiele markieren oft wichtige Wegscheiden. Bei einigen Vereinen bilden sie den Höhe- und Schlusspunkt einer Entwicklung, bei anderen kommen sie als Laune des Fußballgotts überraschend daher. Sie können den Aufstieg eines Klubs manifestieren oder Beginn eines Niedergangs sein. Beim ersten DFB-Pokalfinale des SC Freiburg hingegen hatte man das Gefühl, dass es damit eigentlich erst so richtig losgeht. Das hat auch damit zu tun, dass der Klub die Neigung dazu hat, sich kleiner zu machen, als er ist. Eine Erklärung dafür ist die erstaunliche Skepsis, mit der die Menschen im doch so lieblichen Südbaden dem Leben begegnen. Außerdem ist es über die Jahre zum Wesenskern des Vereins geworden, bescheiden und demütig zu sein. Spinnen oder laut sein – das sollten die anderen übernehmen, der SC Freiburg war lieber vernünftig.
So kam der Klub mitunter arg musterschülerhaft daher, er unterschätzte auch die eigene Größe. Vielleicht brauchte es dieser Reise nach Berlin, zu der sich 30 000 Menschen aufgemacht hatten, die sich im Olympiastadion selbst bestaunten: Huch, wie viele wir sind! Sie staunten auch darüber, wie laut und passioniert sie waren. Sogar in der Niederlage, die tragisch war, weil das ein im Elfmeterschießen verlorenes Finale immer ist. Zum Staunen kam der Stolz darauf, dass ihr Klub in der Niederlage Klasse zeigte. Christian Streich gratulierte den gegnerischen Spielern von RB Leipzig herzlich und auch dem ewigen Linienrichter Mike Pickel, der mit dem Pokalfinale seine Karriere beendete. Er warf Kusshände in die Freiburger Kurve, wo sie ihre unterlegene Mannschaft lauter feierten als die Leipziger ihre Sieger. Streich hatte die Stimmung des Publikums tatsächlich getroffen, als er vor dem Spiel sagte: „Bei einer Niederlage geht die Welt auch nicht unter.“
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Seit der Arenaeröffnung rennen sie dem SC die Bude ein
Da waren die Freiburger wieder bei sich, die es instinktiv gerne etwas kleiner haben. „Als bei uns vor sieben Jahren die Entscheidung über die Größe des Stadions getroffen wurde, haben einige gesagt: Das ist völliger Irrsinn! Wie kann man so großspurig denken, das funktioniert nie“, erzählte Oliver Leki, als Vorstand beim SC Freiburg für Finanzen, Organisation und Marketing zuständig. Dass er mit 10 000 Plätzen mehr als im alten Dreisamstadion plante, ein Irrsinn! Dass es 2000 Kunden für Business-Seats und Logenplätze geben sollte, doppelt so viele wie vorher, eine absurde Vorstellung! Doch seit die Arena Ende 2021 eröffnet wurde, rennen sie dem SC Freiburg die Bude ein. 25 000 Jahreskarten sind verkauft, und es hätten mehr sein können, wenn der Klub gewollt hätte. Für Logen und Business-Seats gibt es sogar schon eine Warteliste, und Leki muss sich die ersten Beschwerden anhören, warum die neue Heimstätte nicht größer ist.
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Noch einen weiteren interessanten Aspekt bringt der Neubau mit sich: Er schießt Tore. Im Dreisamstadion war es immer nett, aber man kann nicht gerade behaupten, dass die heimischen Fans es regelmäßig in einen Hexenkessel verwandelt haben. Am neuen Ort ist das anders, die durchgehende Stehtribüne hinter einem der Tore ist die größte in der Bundesliga nach der Gelben Wand in Dortmund. Dort, aber auch sonst im Stadion schreien sich die Leute die Lunge aus dem Hals. Auch darüber staunen sie in Freiburg: Verrückt, wir können doch Hexenkessel. So ist das Jahr 2022 jenes, in dem sich der SC Freiburg und sein Publikum neu zu sehen begannen.
Leki hatte es immer gewusst: „Ich konnte mich nie der These anschließen, dass man sich in Freiburg in einem strukturellen Nachteil befindet und mit dem Klub nicht mehr möglich ist.“ Inzwischen ist nicht nur die Arena immer voll, die Zahl der Mitglieder ist auf über 40 000 gestiegen, und die Sponsoren stehen Schlange. „Ich finde, dass wir eine sehr sanfte Entwicklung genommen haben“, sagt Leki. Sanft daran ist, dass nichts wild finanziert wurde, nicht einmal das neue Stadion. Allerdings kann man in Freiburg die eigene Kleinheit nicht mehr so richtig beschwören.
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Raus aus der Niedlichkeitsnische
Der Klub erzählt zwar immer noch eine besondere Geschichte, die von einem außergewöhnlichen Trainer personifiziert wird, aber seine Niedlichkeitsnische hat er inzwischen verlassen. Die diesjährige Teilnahme an der Europa League war nicht so peinlich wie fünf Jahre zuvor, als der Sportclub aus lauter Angst vor der Doppelbelastung gegen einen slowenischen Klub schon in der Qualifikation scheiterte. Diesmal kam man gegen gute Gegner als Erster weiter, und in der Bundesliga wirkten sich die zusätzlichen Spiele nicht negativ aus. Bis zur WM-Pause nahm die Mannschaft dort durchgehend Spitzenplätze ein. Auch im Pokal kam sie weiter, und vielleicht hatte die Großzügigkeit in der Niederlage auch mit dem Gefühl zu tun, dass es ja nicht die letzte Reise nach Berlin gewesen sein muss.