Axel Bosse, Sie sind im Ört­chen Hem­ken­rode auf­ge­wachsen, 20 Kilo­meter ent­fernt von Braun­schweig. Wie oft hat man Sie mit dem Fahrrad zum Sta­dion an der Ham­burger Straße fahren sehen?
Ich war schon das erste Mal da, bevor ich über­haupt Fahr­rad­fahren konnte. Mein Opa hat lange bei der ​Feldschlösschen“-Brauerei gear­beitet, die damals den Verein mit­ge­spon­sert haben. Ich glaube, da wurden Karten sehr oft über den kurzen Dienstweg orga­ni­siert.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die alten Zeiten an der Ham­burger Straße zurück­denken?
Das Gebiss meines Opas.

Warum?
Er war nicht nur Gebiss­träger, son­dern auch noch Roll­stuhl­fahrer. Des­wegen hatten wir immer sehr gute Plätze, manchmal auch im Innen­raum des Sta­dions. An einem Samstag hat er sich fürch­ter­lich über die Mann­schaft auf­ge­regt. Er motzte, schrie und ges­ti­ku­lierte wild herum – bis ihm sein Gebiss im hohen Bogen auf die Tar­tan­bahn flog. Ich musste hin­terher und es suchen.

Was sagt es über einen Verein, wenn das Ihre prä­gendste Erin­ne­rung ist?
Dass ich die Ein­tracht durch sehr graue Jahre begleitet habe. Ich erin­nere mich bei­spiels­weise an unzäh­lige Abstiegs­partys, die kurz­fristig umor­ga­ni­siert wurden, weil wir dann doch drin geblieben sind. Dann haben wir statt aus Frust eben aus Freude getrunken. Und natür­lich an zahl­reiche Auf­stiege, deren Freu­den­taumel schon nach wenigen Spiel­tagen wieder ver­flogen war. Ich habe seit jüngsten Jahren eine sehr enge Bin­dung zur Ein­tracht – und wirk­lich selten etwas vom Klub zurück­be­kommen. Da sind diese Zeiten echter Balsam.

Immerhin haben Sie sich selbst ein Denkmal gesetzt: Sie singen den Song Zwi­schen Harz und Hei­de­land“, der bis heute bei jedem Heim­spiel beim Ein­laufen gespielt wird.
Ein Denkmal würde ich das jetzt nicht nennen. Der Verein hatte bei den Jungs von der ​Jazz­kan­tine“ und ​Such a Surge“ ange­fragt, ob wir was machen wollen. Eigent­lich eine Schnaps­idee. Ich war damals sehr jung und hörte mich an wie eine Mickey Mouse. Aber wir waren eben alle Fans und wollten was für den Verein tun. Dass das Lied jetzt schon fast zur Ver­eins­folk­lore gehört, macht mich stolz.

Damit stehen Sie in einer Reihe mit Scooter, AC/DC und den Höh­nern, deren Lieder sich alle­samt eben­falls als Sta­di­on­musik eta­bliert haben.
Stimmt eigent­lich. End­lich mal eine Sache, die ich mir auf den Grab­stein schreiben kann. (lacht)

Haben Sie einen Lieb­lings­spieler aus dieser grauen Zeit?
Wir hatten mal einen Rechts­außen, der war ein Phä­nomen. Er hatte einen Körper wie Lennox Lewis, war schneller als alle anderen, konnte aber nur gera­deaus laufen. Den habe ich bewun­dert, weil der nie auf­ge­geben hat, obwohl er offen­sicht­lich limi­tierte Mög­lich­keiten hatte. Wie hieß der denn noch mal? (Kurze Pause) Hab ich einen Tele­fon­joker?

Klar.
(Kramt sein Telefon hervor und tele­fo­niert mit einem Freund.)
Valen­tine Atem. Und jetzt kommt die Geschichte dazu. Ich habe mit der Mann­schaft von ​Viva con Agua“ (eine Trink­was­ser­initia­tive aus Ham­burg d. Red), für die ich oft unter­wegs bin, gegen die Stutt­gart-All­stars gespielt. Neben Guido Buch­wald stand da auf einmal: Valen­tine Atem. Und neben ihm auch noch Ales­sandro da Silva. Auch den habe ich damals gefeiert, als der bei uns war. Er war einer dieser Spieler, in dem man das Beson­dere zu erkennen meint, weil er feh­ler­freie Über­steiger beherrscht. Ab dann wird man eigent­lich nur ent­täuscht.

Wie eng ist Ihre Bin­dung zum Klub heute?
Ich kenne sehr viele Leute im Verein seit meiner Jugend. Meine besten Kum­pels haben jah­re­lang für ver­schie­dene Schnaps­marken im Ver­eins­um­feld gear­beitet und sind im Laufe der Jahre noch näher ran­ge­rückt.

Haben Sie die Kurve gegen die VIP-Tri­büne ein­ge­tauscht?
Ich war immer der Gegen­ge­rade-Typ. Früher habe ich gestanden, heute sitze ich eben – wie eine Oma.

Wie sieht ein Ein­tracht-Spieltag für Sie aus?
Lange Zeit folgte mein per­fektes Wochen­ende einem klaren Pro­gramm: Freitag oder Samstag habe ich mit Freunden und ein paar Ex-Spie­lern auf dem Ein­tracht-Trai­nings­ge­lände gekickt, im Anschluss sind wir zum Aus­wärts­spiel gefahren oder eben direkt an die Ham­burger Straße.

Sie leben mitt­ler­weile in Ham­burg. Das macht die Wochen­end­pla­nung sicher nicht ein­fa­cher.
Ich bin Fami­li­en­vater und des­wegen auch nicht mehr jedes zweite Wochen­ende bei der Ein­tracht. Ich sehe aber jedes Spiel, was nicht leicht ist, weil ich fast der ein­zige in Ham­burg bin, der Braun­schweig mag.

Müssen Sie sich oft für die Ein­tracht recht­fer­tigen?
Ich bin oft am Mill­erntor und bewun­dere den Klub für seine Fan­kultur. Das ist in Braun­schweig natür­lich nicht in diesem Maße umsetzbar. Aber trotzdem ist mein Gefühl bei der Ein­tracht immer so ein biss­chen ruhr­gebietig. In den Ecken liegt Müll, das Sta­dion ist eine Bau­stelle, es zieht und die Leute sehen nicht alle aus, wie Top­mo­dels, die aus Life­style-Gründen zum Spiel gehen. Ich denke, das geht dem FC St. Pauli langsam ab.

Den­noch ist der Kiez-Klub gerade unter Musi­kern sehr beliebt.
Was ver­ständ­lich ist, denn der Klub trägt seit jeher eine gewisse Punk-Atti­tüde in sich. Zudem ist Ham­burg natür­lich auch um einiges attrak­tiver als Braun­schweig.

Werden Sie mit Ihrer Her­kunft auf­ge­zogen?
Letz­tens schrieb mir der Schlag­zeuger der Band ​Fotos“ eine bezeich­nende SMS. Sie waren auf Tour und fuhren offenbar durch Braun­schweig. Er schrieb: ​Ich bin so stolz, dass du hier raus­ge­kommen bist und nicht gerade am Bahnhof stehst und Bier trinkst.“ Das kann ich so unter­schreiben. Doch nur, weil ich weg­ge­zogen bin, ist meine Ver­bin­dung zu meinem Verein ja nicht abge­kühlt.

Sie haben auch ein halbes Jahr in Istanbul gelebt. Waren Sie dort auch beim Fuß­ball?
Klar, ich war zum Bei­spiel beim Derby Fener­bahce gegen Bes­iktas. Alter Schwede, so eine Laut­stärke habe ich noch nie erlebt. Nachher bin ich noch mit meinem Kumpel durch die Straßen gezogen. Und wer sich hier über ein paar Pyros beschwert, der sollte sich mal angu­cken, was da abgeht. Kein Witz, das war ein echtes ben­ga­li­sches Feuer.

Wie viel Fana­tismus ver­trägt der Fuß­ball?
Beim Thema Fuß­ball sind in der Türkei alle irgendwie wahn­sinnig. Da rennt der Büro­hengst genauso mit dem Schal durch die Stadt wie der Ultra. Mit­unter wirkt das alles immer ein biss­chen aggressiv, ohne aber in Gewalt umzu­schlagen.

Auch in der Braun­schweiger Fan-Szene steckt jede Menge Herz­blut. Mit dem sport­li­chen Auf­stieg wurden aber auch die Pro­bleme immer deut­li­cher. Wie prä­sent ist das Thema ​Nazis in der Kurve“ im Sta­dion?
Natür­lich kriegt man mit, dass es in den Kurven diese Pro­bleme gibt. Für mich gehören diese Spinner nicht in ein Sta­dion. Und auch in keinen Verein. Das sind Idioten. Und es nervt, dass das Thema so am Verein klebt. Die ganze Dis­kus­sion drum­herum hat aller­dings nichts mit Fuß­ball zu tun. Und wegen dem gehe ich schließ­lich an die Ham­burger Straße.

Braun­schweig hat dre­ckige Jahre hinter sich. Gab es einen Moment, an dem Sie gedacht haben: Es reicht! Ich brauche mal eine Ein­tracht-Pause.
Ich bin früher regel­mäßig aus­wärts mit­ge­fahren. Einmal haben wir in Leipzig gespielt und nach Abpfiff gab es eine krasse Hauerei. Die Polizei musste mit Pferden rein und so. Da wurde mir bewusst, dass ich mal eine Pause brauche. Also bin ich knapp ein Jahr nicht mehr hin­ge­gangen.

Mit dieser Erfah­rung erträgt man es, ein paar Spiele vor dem Fern­seher zu gucken?
Nicht wirk­lich. Ich fand es schon immer uner­träg­lich, mir ein Dritt­li­ga­spiel vor der Glotze anzu­gu­cken. Dieses Schne­cken­tempo ist in der Kreis­liga noch lustig, aber sobald dein eigener Klub so spielt, dann bereitet dir das kör­per­liche Schmerzen. Wenn außerdem das Sta­di­on­ge­fühl weg­fällt, wird es zur Folter. Sowieso konnte man sich jah­re­lang darauf ver­lassen, dass die Ein­tracht im ent­schei­denden Moment auf die Schnauze fällt.

Trägt der Klub die Ten­denz zum Schei­tern in sich?
Er macht mich als Fan jeden­falls miss­traui­scher. Eigent­lich hat man auch die ganze Hin­runde nur darauf gewartet, dass die Sache irgendwo einen Haken hat.

Wie kri­tisch sind Sie als Fan?
Ich beschäf­tige mich mit allem, was den Klub betrifft und da gab es jah­re­lang Sachen, die mir Falten bereitet haben. Wenn irgendein Manager mal wieder einen 38-jäh­rigen Ex-Sträf­ling geholt hat, der sich dann auch noch im zweiten Spiel ver­letzt und als Abzo­cker erweist, kann das einen fer­tig­ma­chen. Nein, der Klub fing an, mich zu lang­weilen. Und das ist das Schlimmste, was einem Fan pas­sieren kann.

Die Zeiten scheinen unter Torsten Lie­ber­knecht und Marc Arnold immerhin vorbei zu sein.
Man darf da auch nicht die Rolle von Sören Oliver Voigt ver­gessen, der dem Verein enorm wei­ter­hilft. Den­noch bin ich der Mei­nung, dass man gerade jetzt beson­ders auf­merksam sein muss.

Elf Punkte Vor­sprung auf einen Nicht-Auf­stiegs­platz sorgen also nicht für Gelas­sen­heit. 
Ich sage es mal so: Ich war mein Leben lang immer pleite. Und wenn ich Braun­schweig zum Geld­au­to­maten gegangen bin, bekam ich immer eine Gän­se­haut. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, aber man hat geahnt, dass irgend­etwas nicht stimmt. Und heute ist es echt okay mit der Kohle. Aber trotzdem habe ich immer noch dieses Gefühl, wenn ich zur Bank gehe. Genauso ist es mit Braun­schweig. Das Miss­trauen bleibt.

Günter Mast, Jäger­meister, Paul Breitner: Kommen einem diese Dau­er­brenner als Braun­schweig-Fan langsam zu den Ohren raus?
Sie sind Teil unserer Tra­di­tion und das Jäger­meister-Shirt ist sicher auch gut für das Mer­chan­di­sing. Wenn man in der vierten Liga spielt, dann hält man sich auch gerne an dieser Tra­di­tion fest – auch wenn sie schon gefühlte 200 Jahre her ist. Es gibt ja nichts anderes. Der Mensch ist aber nun mal so: Wenn es einem schlecht geht, denkt man an früher, als man noch jung und hübsch war.

Es gilt aber auch: Von Tra­di­tion kann man sich nichts kaufen.
Diese Retro­per­spek­tive hat uns jah­re­lang am Leben gehalten. Aber heute hat der Verein das nicht mehr nötig. Wir haben eine so junge, homo­gene Truppe, da muss man nicht immer über Paul Breitner reden. Darauf darf man sich eben nicht aus­ruhen, son­dern muss end­lich ver­su­chen eine neue Tra­di­tion zu begründen.

Also den Auf­stieg in die Erste Liga.
Ja, natür­lich. Ich stehe total auf das Trio Lie­ber­knecht, Arnold, Voigt. Die haben da was geschaffen, was mich immer an so eine kleine Robben-Insel in der Nordsee erin­nert. Auf unserer Sand­bank sind die Spieler gestrandet, die in ihrer Kar­riere schon mal woan­ders ent­lang geschwommen, aber dort eben nicht klar­ge­kommen sind. Und unsere Füh­rungs­riege hat es geschafft, wirt­schaft­lich sinn­voll zu arbeiten und eine Mensch­lich­keit in den Klub zu bringen, die ihm lange gefehlt hat.

Wie groß ist der Anteil von Trainer Lie­ber­knecht?
Die Mann­schaft hört auf ihn wie auf den lieben Gott – und das, ohne sich dabei scheiße zu fühlen. Ich kann das ver­stehen, denn ich kann mir gut vor­stellen, dass er es per­fekt hin­kriegt Kumpel und harter Hund in einem zu sein.

Axel Bosse, Ein­tracht Braun­schweig spielt heute Abend gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern. Im Falle eines Sieges, ist der Auf­stieg in die Erste Liga im Grunde nicht mehr zu ver­hin­dern. Ahnen Sie schon, dass bald noch mehr berühmte Braun­schweiger Ihr Herz für den Klub ent­de­cken und der Klub zum neuen FC St. Pauli wird?
Die Gefahr sehe ich nicht, denn in Braun­schweig gibt es sowieso nicht allzu viel Pro­mi­nenz. Und frei­willig zieht da auch keiner hin. Aber ich weiß auch, dass ich hier nicht zum Inter­view sitzen würde, wenn die Ein­tracht auf Platz 13 rum­düm­peln würde. Inso­fern kann ich sagen: Das erste Mal gibt mir der Verein auch mal etwas zurück. Darauf lässt sich ja auf­bauen. (lacht)

Das neue Bosse-Album Kra­niche“ ist ab sofort im Handel erhält­lich