Hans Ley­en­de­cker ist Lei­tender poli­ti­scher Redak­teur der Süd­deut­schen Zei­tung und einer der berühm­testen Recher­cheure Deutsch­lands. Dem Fuß­ball, tra­di­tio­nell ein schöner Ort für Mau­sche­leien, hat sich der inves­ti­ga­tive Jour­na­list und beken­nende BVB-Anhänger bis­lang aller­dings nur spo­ra­disch gewidmet.

11 Freunde: Hans Ley­en­de­cker, Ihre Nei­gung zum inves­ti­ga­tiven Jour­na­lismus haben Sie schon früh aus­ge­lebt, auch im Fuß­ball. Bei der WM 1974 haben Sie sich als ​McDi­armid“ aus­ge­geben und sind bei Schott­land-Zaire in den schot­ti­schen Fan­block unter­ge­taucht. Warum?

Hans Ley­en­de­cker: Die Idee war, die Gast­freund­schaft der Deut­schen aus­zu­loten. Ich hatte lange Haare, ich war blond, trug einen Schnurr­bart – kurz: Ich sah ein biss­chen wie der typi­sche Schotte aus. Kilt, karierte Jacke und Mütze holte ich mir aus einem Thea­ter­fundus. Die Deut­schen haben mich als angeb­li­chen Gast sehr freund­lich behan­delt, und ich lernte einen neuen Song: ​Scot­land will win the cup.“ War eine schöne Geschichte.

11 Freunde: Fuß­ballfan waren Sie aber vorher schon?

Ley­en­de­cker: Mein Verein ist Borussia Dort­mund, seit der ersten Deut­schen Meis­ter­schaft 1956. Ich habe als Kind bei meinem Groß­vater immer die Rund­funk­über­tra­gungen gehört…

11 Freunde: …Kurt Brumme, die Stimme des Wes­tens…

Ley­en­de­cker: …genau. Jeder hat ja so seinen Punkt, wie er zu seinem Verein findet. Bei mir war das die Saison 1954/1955, ein Spiel mit Kwiat­kowski, Preißler, Sand­mann, Bracht. Ich kriege die Namen fast alle noch hin. Danach fand ich Dort­mund toll. Und als ich in Dort­mund arbei­tete, bei der West­fä­li­schen Rund­schau, da ging man auf die Steh­tri­büne, auch in der Zeit der beiden bösen Jahre in der Zweiten Liga in den 70er Jahren. So habe ich mich immer als Borusse gefühlt und mich gefreut, wenn Schalke verlor – nur nicht, wenn die auch noch gegen Bayern Mün­chen ver­loren.

11 Freunde: War diese Fan­ge­schichte der Grund, warum Sie beim großen BVB-Finanz­skandal nicht in die Bericht­erstat­tung ein­ge­stiegen sind?

Ley­en­de­cker: Nee. Das lief doch sehr gut bei den Kol­legen. Der Dort­munder SZ-Kor­re­spon­dent Freddie Röcken­haus rief mich mal an und fragte irgendwas. Da habe ich dem gesagt: Ihr müsst so gute Infor­manten haben, dass es Quatsch wäre, wenn ich dazu käme. Und das Erstaun­liche in diesem Fall war: Er hat mit einem Kol­legen von einem anderen Blatt zusam­men­ge­ar­beitet…

11 Freunde: …Thomas Hen­necke vom Kicker…

Ley­en­de­cker: …und die beiden waren ja keine Spe­zia­listen für inves­ti­ga­tiven Jour­na­lismus. Die haben zu Recht für ihre Arbeit den Henri-Nannen-Preis bekommen.

11 Freunde: Röcken­haus ist eben­falls BVB-Fan.

Ley­en­de­cker: Ja. Ich glaube, er hat auch so heftig an dieser Geschichte gear­beitet, weil er fand: Die machen meinen Verein kaputt. Zuge­geben, das ist eines der unge­wöhn­lichsten Motive, sich in ein Thema zu ver­beißen. Aber das haben die beiden wirk­lich groß­artig gemacht, gerade vor dem Hin­ter­grund der schwie­rigen Nach­rich­ten­lage und den Anfein­dungen im Sta­dion. So muss Jour­na­lismus sein. Ich zum Bei­spiel bin SPD-Wähler und habe schon viele Geschichten gegen die SPD gemacht. Das muss man trennen als Jour­na­list.

11 Freunde: Aber erstaun­lich ist doch, dass Skan­dale zumeist nicht von Sport­jour­na­listen auf­ge­deckt werden. Die Affäre um Hoyzer kam aus der Schieds­richter-Ecke und die ​Daum-Affäre“ hat Uli Hoeneß ange­stoßen.

Ley­en­de­cker: Ich möchte daran erin­nern, dass die Süd­deut­sche Zei­tung schon im Dezember 2004, also vor den Hin­weisen der Schieds­richter auf Unre­gel­mä­ßig­keiten, über mög­liche Mani­pu­la­tionen bei Spielen der Zweiten Bun­des­liga berichtet hatte. Zu Daum: Dem ist viel Unrecht wider­fahren. Wenn man erlebt, dass einer wegen ein paar Gramm Kokain dreißig Ver­hand­lungs­tage durch die Haupt­ver­hand­lung geschleppt wird, ist das schon aben­teu­er­lich. Da ist in Koblenz fast ein mit­tel­al­ter­li­ches Straf­ge­richt abge­halten worden. Aber egal, wie bekloppt der Daum war, diese Haar­probe abzu­geben, wie mit ihm umge­gangen wurde – und dazu hat Uli Hoeneß mit all seiner Emo­tio­na­lität auch ein Stück bei­getragen – das war nicht in Ord­nung. Dazu kam die reine Medi­en­geil­heit der Staats­an­wälte. Daum ist wirk­lich kein Unschulds­lamm, aber in dieser Affäre war er mehr Opfer als Täter.

11 Freunde: Nochmal zurück zur Frage: Warum exis­tiert in Deutsch­land so gut wie kein inves­ti­ga­tiver Fuß­ball­jour­na­lismus?

Ley­en­de­cker: Es gibt im recher­chie­renden Genre des Sport­jour­na­lismus in Deutsch­land viel­leicht nur fünf Leute, die solche Scoops ans Licht för­dern. Ganz vorne sind die Kol­legen Thomas Kistner von der SZ und Jens Wein­reich von der Ber­liner Zei­tung.

11 Freunde: Die kon­zen­trieren sich auf das Inter­na­tio­nale Olym­pi­sche Komitee (IOC) und andere Sport­arten. Die machen kaum Fuß­ball.

Ley­en­de­cker: Stimmt, Fuß­ball ist auch ein spe­zi­eller Fall. Es ist hier ein­fach so: Man­cher möchte nicht offensiv sein, nicht ent­hüllen, son­dern nur früher als die Kon­kur­renz die Mann­schafts­auf­stel­lung erfahren.

11 Freunde: Woran liegt das?

Ley­en­de­cker: Das liegt einer­seits daran, dass viele Sport­re­porter Fans sind und sich dann auch so ver­stehen: Wenn Schlechtes über einen Verein in der Zei­tung steht, dann schadet das meiner Mann­schaft. Das Zweite ist: Der Sport­jour­na­lismus hat eine andere Berufs­grund­lage. Es kommen viele aus dem Sport­be­reich da rein. Und sie machen nicht, was im nor­malen Jour­na­lismus mitt­ler­weile durchaus gängig ist – Kurse übers Recher­chieren, inves­ti­ga­tiven Jour­na­lismus. Des­wegen haben es Sport­res­sorts nicht leicht, wirk­lich recher­chie­rende Sport-reporter zu finden. Und das Dritte, was ich falsch finde: Bei den großen Maga­zinen und Tages­zei­tungen sind die Sport­jour­na­listen oft nicht so wichtig wie ihre Kol­legen in der Politik oder im Feuil­le­ton­res­sort. Gerade beim Spiegel, der immer über her­aus­ra­gende Sport­re­porter ver­fügt hat, ist auf­fällig, dass viele aus dem Sport in andere Res­sorts gedrängt sind. Klaus Brink­bäumer, Udo Ludwig, Mathias Geyer zum Bei­spiel. Irgend­wann genügte der Sport ihnen nicht mehr und sie wollten etwas anderes machen.

11 Freunde: Beim Bou­le­vard bleiben die Fuß­ball­jour­na­listen ewig.

Ley­en­de­cker: Aber wenn sie, wie oft bei der Bild-Zei­tung, nur über einen Verein berichten müssen, dann ent­stehen komi­sche Situa­tionen. Diese Jour­na­listen müssen, das ist der Ansatz von Bild, mehr erfahren als alle anderen Kol­legen, sie müssen früher dran sein. Und sie ver­su­chen auch häufig, selbst eine Macht­po­si­tion auf­zu­bauen. Das ist gerade bei Schalke 04 wieder zu beob­achten, mit diesen Geschichten über Rang­nick und Assauer. Dagegen meu­tern aber auch Leute, ich denke an Mön­chen­glad­bach, wo der Trainer Hans Meyer dagegen revol­tiert hat. Und es gibt noch einen anderen Grund, dass die Bild-Leute nicht wirk­lich ernst­haft recher­chieren können. Denn wenn sie mit dem Verein über­haupt nicht mehr zurecht kommen, müssen sie gehen, so wie damals in Mön­chen­glad­bach. Des­wegen hat der Sport­jour­na­lismus andere Gesetz­mä­ßig­keiten als der Par­la­ments­jour­na­lismus.

11 Freunde: In den USA wird kon­se­quent reagiert. Im Balco-Doping­skandal etwa zogen die Zei­tungen ihre Sport­re­porter ab und schickten poli­ti­sche Ent­hül­lungs­kom­mandos nach San Fran­cisco.

Ley­en­de­cker: Der Fall Dort­mund zeigt ja, dass es auch anders geht. Aber in der Tat: Der Sport­jour­na­lismus ist eben nicht so geübt in diesen Dingen. Hier gibt es noch die Atti­tüde: Ich beschmutze nicht das Nest. Aber ich finde diese Sport­jour­na­listen aben­teu­er­lich, die sich als Cla­queure des jewei­ligen Ver­eins oder Trainer emp­finden. Natür­lich, man geht ins Sta­dion, man leidet mit, man ist traurig. Aber so wie ein poli­ti­scher Jour­na­list wissen muss, dass er nicht gewählt ist, muss ein Sport­jour­na­list erkennen, dass er nicht Teil des Ver­eins ist.

11 Freunde: In der Politik ist das normal, da werden Ent­hül­lungs­ge­schichten und kri­ti­sche Leit­ar­tikel sogar erwartet.

Ley­en­de­cker: Na ja, da bin ich mir auch nicht so sicher. Aber im Sport gibt es schon ein paar Beson­der­heiten: Die Pres­se­karten für die Bun­des­li­ga­spiele sind jah­re­lang von beauf­tragten Lokal­jour­na­listen ver­teilt worden, die dann auch so ein biss­chen Macht haben. Da kommt dann der Chef­re­dak­teur und sagt: ​Hast du nicht mal zwei Karten für mich, ich hab’ da einen guten Freund.“ Inner­halb der Hier­ar­chie der Blätter, wo die Sport­jour­na­listen nicht ganz vorne sind, ist das gewis­ser­maßen eine kor­rup­tive Auf­wer­tung. Es gibt also Fak­toren, warum sich Sport­jour­na­listen manchmal von anderen Jour­na­listen unter­scheiden. Ande­rer­seits gibt es im Arbeits­ge­biet Sport­jour­na­lismus sehr unter­schied­liche Auf­gaben. Die Lokal­jour­na­listen haben andere Pro­bleme als die Kol­legen der großen Blätter. Beim Hör­funk geht es anders zu als beim Fern­sehen. In Ihrem Blatt wird anders gefragt als beim Kicker. Es gibt alle Spiel­arten – es gibt Kum­panei, aber auch her­vor­ra­genden Jour­na­lismus. Ich finde bei­spiels­weise, dass viel mehr als früher gut erzählte Geschichten geschrieben und gedruckt werden. Alles in allem aber gilt: Man ist mehr darauf aus, mit den Leuten weiter zurecht zu kommen. Und das Fan-Sein bestimmt das Sein.