Der Text stammt aus dem 11FREUNDE SPE­ZIAL ​Tor­hüter“. Ihr könnt das Heft bei uns im Shop bestellen.

Matt Le Tis­sier legte den Ball auf den Punkt. Es war eine seiner Lieb­lings­be­schäf­ti­gungen: lockerer Anlauf, Schuss aus elf Metern, läs­siger Jubel. Noch nie hatte er einen Elf­meter ver­schossen. Und er würde, nach diesem Spiel, auch nie wieder einen Elf­meter ver­schießen. Er ist bis heute der beste Elf­me­ter­schütze in der Geschichte des eng­li­schen Fuß­balls und viel­leicht sogar welt­weit. Seine Quote lautet: 47 aus 48. In einigen Quellen ist auch von 48 aus 49 zu lesen. Ein sen­sa­tio­neller Wert, zumal Le Tis­sier Eng­länder ist.

Aber an jenem 24. März 1993 im Dell, dem Sta­dion des FC Sout­hampton, gab es eine Beson­der­heit. Im Tor stand Le Tis­siers ulti­ma­tiver Gegen­spieler, einer der besten Elf­me­ter­killer aller Zeiten: Mark Crossley von Not­tingham Forest. Es war also eine Art Kampf der Giganten, eine Ein­zel­sport­si­tua­tion in einem Mann­schafts­spiel.

Damals wurden Sta­tis­tiken (fernab von Toren und Assists) noch nicht so detail­liert erfasst wie heute. Erst 2002 ana­ly­sierte der ​Guar­dian“, dass Crossley in seiner bis­he­rigen Kar­riere 57 Pro­zent seiner Elf­meter gehalten hatte (8 von 14). Am Ende seiner Kar­riere 2009 lag sein Wert immer noch um 50 Pro­zent. Auch das ist sen­sa­tio­nell, denn nor­ma­ler­weise kommen gute Tor­hüter in dieser Dis­zi­plin auf 20 bis 30 Pro­zent. Rudi Kargus, der in der Bun­des­liga als Elf­me­ter­töter berühmt war, hielt in seiner Kar­riere 24 von 77 Elf­me­tern, das sind rund 31 Pro­zent.

Wusste Le Tis­sier also, wen er vor sich hatte? War er ner­vöser als sonst? Er schoss erstaun­lich schlecht, halb­hoch auf die linke Ecke, Crossley hatte keine Mühe, den Ball abzu­wehren. Bis heute erin­nern eng­li­sche Medien und natür­lich auch Not­tingham Forest jedes Jahr am 24. März an diesen Moment: als Mark Crossley einen Elf­meter von Matt Le Tis­sier hielt.

Wie erreichte Mark Crossley diese Kon­stanz im Elf­me­ter­töten?

Der Elf­meter ist eine simple Stan­dard­si­tua­tion. Er wurde 1891 von einem Iren erfunden und heißt im Regel­werk offi­ziell Straf­stoß, genau genommen wird er nicht mal aus elf Metern geschossen, son­dern aus zwölf Yards, was 10,9728 Meter sind. Der Vor­teil (aber auch Druck) liegt beim Schützen, denn der Tor­hüter kann von seinem 17,86 Qua­drat­meter großen Tor nur etwa ein Viertel abde­cken.

Jeder Keeper hat in dieser Situa­tion eigene Rituale und Methoden. Einige suchen vor der Aus­füh­rung das Gespräch mit dem Schieds­richter und/​oder dem Schützen, sie wollen Rou­tinen und Abläufe durch­ein­an­der­bringen. Der argen­ti­ni­sche Tor­wart Pablo Caval­lero rief David Beckham mal seine Lieb­lings­ecke zu, der Eng­länder ließ sich nicht beirren und traf trotzdem. Paul Cooper von Ips­wich Town stellte sich oft­mals nicht in die Tor­mitte, son­dern leicht ver­setzt. Meis­tens ging er tief in die Knie, wackelte ein biss­chen in eine Ecke. In einer Saison hielt er mit dieser Ver­wir­rungs­stra­tegie acht von zehn Elf­me­tern.

Andere Tor­hüter machen Video­ana­lysen und prägen sich die Vor­lieben der Schützen ein. Jens Leh­mann bekam vor dem erfolg­rei­chen WM-Vier­tel­final-Elf­me­ter­schießen 2006 gegen Argen­ti­nien ein Zet­tel­chen mit Infor­ma­tionen zuge­steckt. Wie­derum andere lassen alles auf sich zukommen, so wie Man­chester Uniteds David de Gea, der vor dem Elf­me­ter­schießen im Europa-League-Finale 2021 gegen Vil­lar­real einen sol­chen Info-Zettel igno­rierte und keinen Elf­meter hielt (und den letzten selbst ver­schoss); so wie auch der süd­ko­rea­ni­sche Keeper Lee Woonjae, der vor dem WM-Vier­tel­fi­nale 2002 gegen Spa­nien par­tout nichts von den Prä­fe­renzen der mög­li­chen Schützen wissen wollte. Er hatte Sorge, dass seine Intui­tion beein­träch­tigt werde. Als es tat­säch­lich zum Elf­me­ter­schießen kam, hielt er den ent­schei­denden Schuss von Joa­quín.

Wie aber erreichte Mark Crossley diese Kon­stanz im Elf­me­ter­töten? Ließ er eben­falls alles auf sich zukommen? Trai­nierte er die Elf­me­ter­si­tua­tion? Oder lag sein Erfolg auch daran, dass er mit seinem mas­sigen Körper (1,91 Meter, 100 Kilo­gramm) mehr Fläche des Tores abde­cken konnte als andere?