Sven Brux, Sie sind als Orga­ni­sa­to­ri­scher Leiter des FC St. Pauli auch für die Sicher­heit im Sta­dion zuständig. Wie haben Sie die Aktion am Sonntag erlebt, als die Gruppe »Ultra Sankt Pauli« den Zuschauern den Zugang zur Süd­kurve ver­wehrte?

Das war eine schwie­rige Situa­tion für den Verein. Unsere Ordner allein hätten die Situa­tion nicht in den Griff gekriegt: Das waren einige tau­send Men­schen, die in die Kurve wollten. Also war die Frage, ob wir die Polizei hin­ein­schi­cken. Wir haben uns bewusst dagegen ent­schieden, um die Situa­tion nicht eska­lieren zu lassen.

Ist die Fan­szene bei St. Pauli gespalten zwi­schen Ultras und »nor­malen« Fans?

Wir beob­achten eine tiefe Spal­tung. Uns errei­chen in diesen Tagen viele Beschwerden. Der eine Teil der Leute, die geschrieben haben, wären dem Grund­an­liegen der Ultras, dem Fünf-Minuten-Boy­kott, gefolgt, ver­stehen aber nicht, wieso man mit Blo­ckaden gegen Repres­sa­lien demons­trieren will. Der andere Teil kann mit Ultras gene­rell nicht viel anfangen, ver­mischt vieles und will sich ein­fach aus­kotzen.

Wo liegt das Pro­blem?

Unsere Hütte ist immer aus­ver­kauft, dazu kommt der Umbau – da können sich Ultras und nor­male Fans nicht mehr so leicht aus dem Weg gehen. Die Ultras sagen: Die Süd­kurve ist unser Bereich und andere Fans sagen: Wieso, ich stehe seit 30 Jahren hier?!

Werden Sie gegen die Ultras vor­gehen?

Wir warten der­zeit eine Stel­lung­nahme von USP ab. Aber wir müssen als Verein klar­ma­chen, dass so etwas nicht geht. Wir müssen alle 20.000 im Sta­dion mit­ein­ander aus­kommen. Gewisse Ultra-Pri­vi­le­gien wie frü­herer Ein­lass, eigene Ver­kaufs­stände und Ticket­ver­tei­lung stehen des­halb auf dem Prüf­stand.

Was würden Sie sich von den Ultras wün­schen?

Mehr kri­ti­sche Selbst­re­flek­tion, auch einmal Größe zu zeigen und zu sagen: Da haben wir Scheiße gebaut. Aber sie sehen sich oft als das Maß aller Dinge. Und sie tun sich keinen Gefallen, wenn sie jedem, der nicht ihrer Mei­nung ist, vor­werfen, ein Event-Otto oder ein krab­ben­es­sender VIP zu sein.


Sven Brux ist Fan und Orga­ni­sa­to­ri­scher Leiter des FC St. Pauli. In den acht­ziger und neun­ziger Jahren gab er das Fan­zine »Mill­erntor Roar« heraus.

Björn Pahr­mann, wie bewer­test du die Blo­ckade der Ultras?

Grund­sätz­lich finde ich die Kritik, die USP trans­por­tieren wollte, okay. Ob das Spiel gegen Hansa Ros­tock der rich­tige Auf­hänger war, sei dahin­ge­stellt. Die Umset­zung indes war eine Kata­strophe.

Ultras und Fans sollen sich am Mill­erntor zuletzt ange­nä­hert haben. Mit dieser Aktion scheint vieles zer­stört.

Das Pro­blem der Ultras ist, dass sie sich wich­tiger als der Verein nehmen, sie hängen ihre Rechte über die des Klubs. Und sie erheben einen Abso­lut­heits­an­spruch was den Sup­port betrifft.

Wie wirkt sich das aus?

Der Sup­port hat in den letzten Jahren an Spon­ta­neität ver­loren. Diese Ursprüng­lich­keit, das Anar­chi­sche, wes­wegen ich auch einst zum Mill­erntor kam, ist nicht mehr vor­handen. Der Sup­port ist also heute weniger auf das Spiel bezogen, son­dern legt sich wie ein Geräusch­tep­pich über das Sta­dion, wie bei einem Com­pu­ter­spiel, wo man all­ge­meines Hin­ter­grund­rau­schen hört.

Viele St.Pauli-Fans ver­orten ihre Vor­bilder eher im eng­li­schen Sup­port.

Und das ist die Crux: Die Ultras ori­en­tieren sich am ita­lie­ni­schen Sup­port, wäh­rend die Fans der Gegen­ge­rade den situa­ti­ons­be­zo­genen old­schoo­ligen eng­li­schen Sup­port vor­ziehen. Diesen Sup­port, der ad hoc ent­steht, hört man momentan kaum noch denn das Hin­ter­grund­rau­schen ist zu stark. Ich will gar nicht bestreiten, dass auch län­gere Gesänge etwas Schönes haben, doch wenn die Situa­tion etwas anderes erfor­dert, will ich auch gerne etwas anderes schreien.

Haben es Ultras in ihrer Uni­for­mität am Mill­erntor auch des­halb so schwer, weil die St.Pauli-Anhängerschaft sich immer durch Diver­sität kenn­zeich­nete?

Die fun­da­men­tale Kritik der Fans rührt daher, weil sich die Kurven oder die Geraden immer schon als bunt und hete­rogen ver­standen haben. Zugleich zeigte man sich stets skep­tisch gegen­über Gruppen – gegen­über starren Gruppen. Diese Skepsis ist bei St. Pauli stärker aus­ge­prägt als andern­orts.

Weil die starre Gruppe der Idee des Spon­tanen ent­ge­gen­steht?

Genau. Zudem sehen sich viele Fans als indi­vi­dua­lis­tisch und autonom, hier wollte sich noch nie jemand zu Aktionen drängen oder Mei­nungen von außen auf­zwingen lassen. Es herrschte immer ein Dis­kurs. Durch ihre Gän­ge­lung unter­graben die Ultras diesen. Die Ent­wick­lung im Fuß­ball bringen sie jeden­falls nicht voran.

Wieso ist der Dialog zwi­schen Fans und Ultras eigent­lich so schwierig?

Zum einen wird kaum Selbst­kritik nach außen geübt. Und zum anderen kenn­zeichnen sich die Ultras durch eine gewisse Schi­zo­phrenie. Einer­seits defi­nieren sie sich als Gruppe und treten auch so auf. Auf der anderen Seite spre­chen sie aber nicht als Gruppe und lassen sich auch nicht so haftbar machen. 

Ist das Ver­hältnis zu kitten?

Schwer zu sagen. Ich ver­mute. dass der Riss zu stark ist. Doch warten wir mal ab, ob USP sich dieses Mal selbst­kri­tisch zeigt und einen Dialog sucht.


Björn Pahr­mann ist Jour­na­list und seit 1991 Fan des FC St. Pauli. Er hat 1998 den ersten Inter­netf­an­klub »Net­pi­rates« gegründet.

Ronny Gal­c­zynski, der USP-Pro­test beim Spiel gegen Hansa Ros­tock wurde im Vor­feld ange­kün­digt. War der Kon­flikt also absehbar?

Nein, zumin­dest nicht für mich. Ich dachte, man würde gemeinsam mit dem »Über­steiger«, Ultra Sankt Pauli und anderen aktiven Fan­gruppen ein Zei­chen für die Ein­hal­tung der Fan­rechte setzen – also zu einer Sache Stel­lung beziehen, die für die Fan­gruppen des Ver­eins von großer Rele­vanz ist.

Die leere Süd­tri­büne sug­ge­rierte zwar einen gemein­samen Pro­test, de facto hat es ihn nicht gegeben.

Und das ist sehr schade. Dass es eine ein­ge­schwo­rene Soli­da­rität geben würde, war zwar nicht zu erwarten – die hat es bei St.Pauli auch nie gegeben –, dass es aber so eine Spal­tung gibt, hätte ich nicht geglaubt.

Aus Fan­sicht: Wie bewer­test du die Aktion?

Den Stim­mungs­boy­kott fand ich auf­grund der Ereig­nisse okay. Die ent­schei­dende Frage ist natür­lich: Musste das in einer Blo­ckade münden? War das Ziel der Aktion nur durch Zwang zu errei­chen? Freunde hat man sich damit sicher­lich nicht gemacht.

Warst du dabei?

Nein, ich stehe in der Gegen­ge­rade. Und ich wäre ver­mut­lich, auch wenn ich die Mög­lich­keit gehabt hätte, nicht dabei gewesen. Den­noch bedeutet diese Aktion für mich kei­nes­wegs den Unter­gang des Abend­landes, so wie es viele jetzt dar­stellen. Dass ein­zelne ältere Men­schen, Kinder und Frauen zeit­weise ein­ge­klemmt waren, ist schade, aber das ist eben pas­siert. Ich denke, man sollte für die Sache auch mal zurück­ste­cken können. (Anm. siehe unten)

Das Thema scheint vielen auf den Nägeln gebrannt zu haben. Inner­halb von 24 Stunden gab es über 1500 Kom­men­tare im St. Pauli-Forum.

Die Aktion der Ultras war natür­lich eine Steil­vor­lage für ihre Kri­tiker. Jetzt kommen alle wieder aus den Löchern, die sowieso immer schon gegen USP wet­terten. Noch einmal: Bei aller Kritik gegen USP, die ich auch habe, finde ich das über­zogen.

Die Süd­tri­büne wird von USP selbst­ver­waltet. Inso­fern gibt es Stimmen, die sagen, sie hätten dort auch die Hoheit über Zugang zu den Plätzen. Andere machen auf das Para­doxe der Aktion auf­merksam: Eine Beschnei­dung der Fan­rechte durch Beschnei­dung der Fan­rechte.

Die Ultras begeben sich auf eine ziem­liche Grat­wan­de­rung, das stimmt. Und diese Selbst­ver­wal­tung der Süd­tri­büne und die Kar­ten­ver­gabe brachte auch schon einige Pro­bleme mit sich, die viel­leicht auch den jet­zigen Ärger der Fans begründet.

Welche Pro­bleme waren das?

Die USP orga­ni­sieren den Ver­kauf der Dau­er­karten, für die man sich vor jeder Saison wieder bewerben muss. Das funk­tio­niert nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wobei USP eigent­lich nur aktive Fans in der Kurve haben möchte. Zuletzt war es etwa so, dass viele nor­male Fans sich für Karten bewarben, weil es sonst keine mehr gab. Sie nahmen anderen, aktiven Fans, die Karten weg. Am Ende war es recht chao­tisch und unüber­sicht­lich, sogar USP-Leute bekamen keine Karten. Der Ärger war vor­pro­gram­miert.

Viele Fans im Sta­dion wün­schen sich den situa­ti­ons­be­zo­genen Sup­port von einst zurück. Die Ultras ließen diesen aber durch ihre Geräusch­ku­lisse nicht zu. Wie siehst du das?

Das sind vor­ge­scho­bene Argu­mente. Da gibt es diese ganzen Nörgler, die ständig über USP meckern und meinen, ohne USP wäre die Stim­mung gran­dios. Wenn USP dann aber mal ruhig ist, herrscht eisige Stille im Sta­dion. Dabei haben die Nörgler doch dann ihre Chance – alleine, sie ergreifen sie nur sehr selten. Gele­gent­lich schwappt mal ein Old­school-Gesang durchs Sta­dion.

Wie war es gegen Hansa Ros­tock?

Viele sagen, dass die Stim­mung beson­ders gut war, weil USP sich zurück­ge­halten hat. Das fand ich über­haupt nicht. Die Stim­mung war mit­tel­mäßig.

Viele Fans ver­missen auch die Selbst­kritik der Ultras. Nach­voll­ziehbar? 

Es ist tat­säch­lich so, dass viele Fans glauben, die Ultras machten ihr Ding und alles andere würde sie nicht inter­es­sieren. Doch das ist nicht so. Bei USP dis­ku­tiert man sehr viel über die Außen­wah­re­neh­mung und sie üben auch viel Selbst­kritik. Doch pas­siert alles im inneren Kreis. Daher würde ich mir auch wün­schen, dass man Ergeb­nisse dieser Dis­kus­sionen mal öffent­lich macht.

Anmer­kung von Ronny Gal­c­zynski: »Durch eine Ver­kür­zung meiner Äuße­rungen ist leider inso­fern eine sinn­ent­stel­lende Aus­sage ent­standen, die sug­ge­riert, ich würde es gut heißen, dass für eine gute Fan­sache durchaus auch mal Kinder, ältere Men­schen und Frauen in für sie bedroh­liche Situa­tionen geraten dürfen. Dem ist aller­dings nicht so! Viel­mehr bezog ich den letzten Satz auf die Fan­szene ins­ge­samt, die nach meinem Dafür­halten in der Tat auch mal für höher­ge­stellte Fan­inter­essen die eine oder andere Unan­nehml­lich­keit in Kauf nehmen sollte. Ob eine Blo­ckade dabei aller­dings der rich­tige Weg ist, sollen andere beur­teilen. Viel­mehr (das hatte ich aller­dings im Gespräch ges­tern nicht explizit gesagt) finde ich, dass die Blo­ckierer im Gegen­teil sogar auch eine gewisse Für­sor­ge­pflicht für gerade diese oben genannten Gruppen hätten an den Tag legen sollen.«


Ronny Gal­c­zynski ist Fan des FC St. Pauli, schreibt Bücher über Fuß­ball und arbeitet als Redak­teur beim »Über­steiger«.