Es wurmt noch immer. Die Cafés in Mai­land und Turin sind spär­lich besucht, Ita­lien-Tri­kots sieht man nur selten, auch die TV-Über­tra­gungen ver­senden sich ins Nir­gendwo. Es ist bereits acht Monate her, dass die Squadra Azzura die WM ver­passte, aber der Schmerz dar­über, dass in Russ­land zum ersten Mal seit 60 Jahren keine ita­lie­ni­schen Fahnen bei einer Welt­meis­ter­schaft wehen, ist geblieben.

Eine grün-weiß-rote Ita­lien-Flagge wird es in Russ­land trotzdem geben, auch wenn sie nicht am Mast des Lusch­niki-Sta­dions in Moskau hängen oder vor einer WM-Partie aus­ge­breitet auf dem Rasen liegen wird. Nein, sie wird gut gefaltet und gebü­gelt im Koffer von Alfred Gomis liegen, dem Tor­hüter des Senegal. Im Süd­westen des Landes in Ziguin­chor geboren, etwa 500 Kilo­meter von der Haupt­stadt Dakar ent­fernt, ist Alfred Gomis mit seinem Vater Charles und seiner Mutter Anne Marie im Alter von drei Jahren nach Cuneo in Nord­ita­lien gekommen. Der Schluss­mann, der in der Serie für SPAL aus Fer­rara spielt, besitzt die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft, hat 2013 sogar ein Trai­nings­lager mit der U20 unter Trainer Di Biagio absol­viert und das Tor der ​B‑Italia“ ver­tei­digt, eine Aus­wahl der ita­lie­ni­schen Serie B. Auch zwei seiner drei Brüder sind Tor­hüter.

Da hat es Klick gemacht“

Bei der WM in Russ­land aber wird Gomis das Tor des Senegal hüten. Bis 2017 war Gomis fünf­zehn Jahre lang nicht mehr in seinem Geburts­land, erst der Tod seines Vaters zog ihn wieder in den Senegal. ​Mein Vater war vor Kurzem gestorben. Ich bin in den Senegal geflogen, um nach seinem Grab zu sehen und um ein biss­chen mit ihm zu plau­dern. Da hat es Klick gemacht. Ich habe mich in Erin­ne­rung an meinen Vater für den Senegal ent­schieden. Was er für meine Brüder, auch Tor­hüter, und für mich getan hat, war unglaub­lich. Wir waren sicher­lich nicht wohl­ha­bend und er hat ein sehr hartes Leben geführt, damit wir unseren Traum ver­wirk­li­chen konnten“, sagte Gomis der Cor­riere della Sera.

Die Helden seines Vaters waren Ita­liens Tor­wart­le­gende Dino Zoff und dessen Kame­ru­ni­scher Kol­lege Thomas N’Kono – eine Lei­den­schaft, die die Ent­schei­dungen der Kinder, sich ins Tor zu stellen, sicher­lich beein­flusst hat: ​Er hat uns nie dazu ermu­tigt zu spielen. Er wollte, dass wir glück­lich sind, egal wo und wie“, sagte Gomis der Tages­zei­tung La Stampa. Auf die Ent­schei­dung, für den Senegal zu spielen, folgte als­bald sein Debüt. Am 14. November 2017, einen Tag nach der ver­passten WM- Qua­li­fi­ka­tion Ita­liens, stand Gomis zum ersten Mal für das Land seines Vaters im Tor. Und sicherte seiner Mann­schaft beim 2:1‑Sieg gegen Süd­afrika prompt das Ticket nach Russ­land.

Ich werde die ita­lie­ni­sche Fahne im Koffer mit­nehmen“

Nun, im süd­west­lich von Moskau gele­genen Kaluga, wo die Sene­ga­lesen ihr Quar­tier auf­ge­schlagen haben, wird auch ein Stück Ita­liens mit bei der WM sein: ​Ich werde die ita­lie­ni­sche Fahne im Koffer mit­nehmen und zwar mit Stolz. Ich fühle mich als Ita­liener, von der Erzie­hung und der Bil­dung her, nicht nur im sport­li­chen Bereich. Und ich werde Ita­lien immer dankbar sein: Ich bin hier­her­ge­kommen als ich drei war, bin erst in Cuneo und dann in Turin auf­ge­wachsen. Und dieses Jahr habe ich meine erste Saison in der Serie A bestritten und dabei das his­to­ri­sche Ziel des Klas­sen­er­halts erreicht: besser als jeder Traum.“

Jetzt heißt sein Traum Russ­land und als Tor­hüter für sein Land wird er die Schüsse von Robert Lewan­dowksi oder James Rodri­guez abwehren müssen, um dem Senegal das Wei­ter­kommen im Tur­nier zu schenken. Und natür­lich seinem Vater, dessen Grab er nach dem Tur­nier wieder besu­chen wird.