Bestimmte Ereig­nisse im Leben ver­sucht man so weit wie mög­lich hinaus zu zögern: Den ersten Schultag, den ersten Pickel, den ersten Lie­bes­kummer – Otto-Normal-Dinge, die jeden irgend­wann erwi­schen.

Auch in den Kar­rieren von Profi-Fuß­bal­lern gibt es diese Ereig­nisse: die erste schwere Ver­let­zung, das erste Eigentor und natür­lich das Kar­rie­re­ende. Am 14. Februar um 16.00 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit erwischte es den wohl besten Stürmer unserer Zeit: Ronaldo Luís Nazário de Lima saß da auf seiner letzten Bühne, seine beiden Söhne fläzten sich neben ihn, krab­belten unter den Tisch, die Kameras klickten im Sekun­den­takt. Ronaldo sah schlecht aus: dick, auf­ge­dunsen, in ein Golfer-Polo­shirt seines Aus­stat­ters gesteckt. Gefasst sprach er seine Abschieds­worte: ​Ich möchte weiter machen, aber ich kann nicht. Ich kann es nicht mehr aus­halten. Es ist Zeit.“ Plötz­lich wurden seine Augen rot, noch röter. Ronaldo wusste, dass es jetzt aus war. Sein Traum: aus und vorbei. Dann weint Ronaldo ein­fach los. Plötz­lich, zwi­schen all diesen Men­schen, die die viel­leicht letzte Sen­sa­ti­ons­nach­richt seiner Kar­riere aus ihm her­aus­pressen wollten, war er ganz allein.

Ronaldo – der Hasen­zahn mit dem Lämm­chen­blick

Auto­ma­tisch zogen die Bilder seiner unfass­baren Kar­riere vorbei. Bilder von dem Ronaldo, den man in Erin­ne­rung behalten will. Dem Ronaldo mit den Hasen­zähnen, dem Lämm­chen­blick und der Eises­kälte eines Auf­trags­mör­ders. Dem Mann, den die spa­ni­sche ​El Pais“ einst ​El Extra­ter­restre“ (Der Außer­ir­di­sche) taufte. Ronaldo, so glaubte manch einer, sei eine gene­ti­sche Muta­tion, die über die unbe­kannte Fähig­keit ver­fügt, fremde Körper zu über­winden, wie wenn sie aus Gas wären. Ronaldo war der erste Mega­star des modernen Fuß­balls. Der Stümer 2.0.

Rück­blick: Am 13.09.1994 zündet die Rakete Ronaldo erst­mals auf inter­na­tio­naler Bühne. Der dürre Bra­si­lianer aus Bento Ribeiro – einer der wasser‑, strom- und trost­losen Favelas, die Rio de Janeiro umzin­geln – trifft mit seinem Klub PSV Eind­hoven in der ersten Runde des UEFA-Cups auf Bayer Lever­kusen. Der 5:4‑Sieg der Werkself vom Rhein hätte der Abend des drei­fa­chen Tor­schützen Ulf Kirsten oder des drei­fa­chen Vor­la­gen­ge­bers Hans-Peter Lehn­hoff werden können. Doch einer über­strahlt sie alle: Ronaldo, der 17-Jäh­rige, der seine Gegen­spieler Jens Melzig und Chris­tian Wörns fast im Minu­ten­takt stehen lässt wie zwei Tüten voll wert­losem Müll. 

Ronaldos erste Stern­stunde

Ronaldo war an diesem Abend schneller, trick­rei­cher, schuss­stärker und ele­ganter als jeder andere Spieler auf dem Feld. Er erzielte drei Tore. Kurz vor seiner Aus­wechs­lung haucht der atem­lose nie­der­län­di­scher Kom­men­tator: ​Merken sie sich den Namen dieses Wir­bel­windes: Ronaldo Luís Nazário de Lima. Dieser unglaub­liche Junge ist erst 17 Jahre alt und wird die Fuß­ball­welt erobern.“ Auch Lever­ku­sens Trainer Dra­go­slav Ste­pa­novic sah man mit glän­zenden Augen stam­meln: ​Ronaldo ist kein Natur­ta­lent, son­dern eine Natur­ge­walt.“ 
Sie sollten Recht behalten, denn in den kom­menden Jahren wird nahezu jeder seiner Auf­tritte zu einem fuß­bal­l­äs­the­ti­schen Erd­rutsch. Für den PSV Eind­hoven erzielt Ronaldo in 46 Spielen 42 Tore. Er wech­selt 1996 zum FC Bar­ce­lona und schießt sich selbst in eine andere Sphäre.