Kevin-Prince Boateng ist ein Mensch, der sich selten die Mühe macht, seine Gefühle und Ansichten zu ver­ste­cken. So auch nach der 0:4‑Pleite in Mainz am Diens­tag­abend. Die Augen­braunen zogen sich zusammen, die Stirn legte sich in Falten. Dann ging es los. ​Wir haben gar nicht ins Spiel gefunden und fast alle Zwei­kämpfe ver­loren“, pol­terte Boateng am ​Sky“-Mikrofon. ​Das war ein Total­aus­fall der gesamten Mann­schaft.“ Durchaus richtig. Doch eines hatte der 34-Jäh­rige in seiner Rage ver­gessen: den großen Anteil, den Mainz 05 an der Ber­liner Schmach hatte.

Immerhin war die Hertha ja mit neuem Selbst­ver­trauen ange­reist, hatte aus den letzten beiden Spielen vier Zähler geholt – Kano­nen­futter ist etwas anderes. Mainz inter­es­sierte das aber nicht im Geringsten: Die Null­fünfer walzten Berlin bei­nahe sys­te­ma­tisch nieder. Auch sechs oder sieben Tore wären im Bereich des Mög­li­chen gewesen. Und das gegen eine Mann­schaft, die zumin­dest von den Namen her nicht schlechter ein­zu­schätzen ist als die Mainzer Truppe. Es steht also nicht nur die Frage im Raum, was denn schon wieder bei der Hertha los ist. Viel drin­gender scheint doch: Warum stellt der letz­tens noch insta­bile Abstiegs­kan­didat Mainz plötz­lich eine der­artig abge­brühte Truppe?

Zur Annä­he­rung an eine Ant­wort erst einmal die Fakten: In der Win­ter­pause der ver­gan­genen Saison stand Mainz mit sieben Punkten da. Eine Bilanz, die nicht nur für den Abstieg sprach, son­dern Dimen­sionen auf­wies, die Ver­gleiche zum berühmten Nega­tiv­re­kord von Tas­mania Berlin auf­kommen ließen. Oder, um aktu­eller zu bleiben: Selbst Schalke 04 hatte nicht weniger Zähler auf dem Konto. In der Rück­runde war Mainz im Gegen­satz zu Schalke jedoch kaum wie­der­zu­er­kennen und setzte zur Auf­hol­jagd an. Mehr noch: Am Ende der Spiel­zeit lan­dete der FSV auf einem soliden zwölften Platz. Eine Ent­wick­lung, die sich in der aktu­ellen Spiel­zeit fort­setzte – und im furiosen Auf­tritt gegen Hertha ihren vor­läu­figen Höhe­punkt erreichte. Einen Spieltag vor dem Ende der Hin­runde steht die Mann­schaft auf Platz sechs, der zur Teil­nahme an der Con­fe­rence League berech­tigt.

Die Spieler sind ihm schon nach zwei Ein­heiten gefolgt“

Bei der Suche nach den Gründen für den Auf­schwung geht der Blick zwangs­läufig in Rich­tung Kader. Welche Ver­än­de­rungen hat es seit dem letzten Winter im Mainzer Team gegeben? Ant­wort: Große Neu­ver­pflich­tungen blieben aus, mit Angreifer Jean-Phil­ippe Mateta wurde statt­dessen der ver­meint­lich beste Mann abge­geben. Auch im Sommer nahm der FSV nicht viel Geld in die Hand – am Ende stand wieder ein Trans­fer­plus. Viele der gerade so stark auf­spie­lenden Akteure, etwa Johnny Burk­hardt und Karim Oni­siwo, waren schon Teil der Mann­schaft, die in der Hin­runde der letzten Saison kein Bein auf den Boden gebracht hatte. Einer, der damals aller­dings nicht dabei war, ist Trainer Bo Svensson.

Vom Red-Bull-Farm­team FC Lie­fe­ring los­ge­eist, folgte der Däne im Januar auf Jan-Moritz Lichte. Als lang­jäh­riger Spieler und Jugend­trainer sollte er die Mainzer DNA zurück­bringen, sollte den kleinen Klub mit boden­stän­digen Werten und mutigem Spiel­an­satz wieder kon­kur­renz­fähig machen. Andere Ideen, um ihren Verein vor dem Absturz zu retten, hatten die Ver­ant­wort­li­chen offenbar nicht mehr. Brauchten sie auch nicht – denn der Schuss saß. Nach wenigen Wochen unter Svensson hatte sich das Auf­treten der Mann­schaft voll­kommen ver­än­dert. ​Das Aller­wich­tigste war, dass Bo ganz schnell das Ver­trauen der Spieler bekommen hat. Mein Ein­druck war, dass sie ihm nach zwei, drei Trai­nings­ein­heiten schon gefolgt sind. Bo hat eine ange­bo­rene Auto­rität und strahlt trotzdem sehr große Empa­thie aus“, sagte FSV-Sport­vor­stand Chris­tian Heidel nach dem gesi­cherten Klas­sen­er­halt bei ​Sky“.

Seit Svensson da ist, holten nur drei Teams mehr Punkte

Mit der Umstel­lung auf eine Drei­er­kette hatte Svensson seiner Mann­schaft zuvor ein gutes Kor­sett ver­passt. Das Rad erfand er damit zwar nicht neu, doch gelang ihm die Ver­bin­dung zwi­schen einer gene­rellen Kom­pakt­heit und der Pres­sing­idee seiner frü­heren Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. ​Die Mann­schaft hat einen über­ra­genden Plan. Es wissen alle, wie sie gegen den Ball zu spielen haben. Das ist eine tolle Leis­tung des gesamten Trai­ner­teams mit Bo an der Spitze“, lobte Heidel die tak­ti­sche Aus­rich­tung erst kürz­lich. Und weiter: ​Man braucht einen aus­ge­gli­chenen Kader und wenn einer rein­kommt, muss er wissen, was er zu tun hat. Wir werden kein deut­scher Meister, aber wir können jeder Mann­schaft Pro­bleme bereiten.“ Klingt nach, genau, der urty­pi­schen Mainzer Phi­lo­so­phie: Keine Ein­zel­stars, dafür voller Ein­satz und ein mutiges Gegen­pres­sing als Rezept gegen die Großen.

Wie erfolg­reich das ist, zeigen die Zahlen: In den 36 Spielen, die Mainz unter Svensson absol­viert hat, holte die Mann­schaft liga­weit die viert­meisten Punkte – nur Bayern, Dort­mund und Frank­furt waren erfolg­rei­cher. Gemessen an den finan­zi­ellen Mög­lich­keiten der Rhein­hessen ist das eine kleine Sen­sa­tion.

Doch wie sieht Bo Svensson seine Rolle als Trainer eigent­lich selbst? Gegen­über ​Ran“ wagte der 42-Jäh­rige kürz­lich einen Blick die Zukunft: ​Ich hoffe, dass man dann sagt: ​Der Svensson war ein guter Trainer und ein guter Typ, die Leute haben gerne mit ihm gear­beitet, und er hat den einen oder anderen auch wei­ter­ge­bracht.´“ Zu natür­li­cher Auto­rität und großer Empa­thie kommt bei Svensson also noch eine wei­tere Eigen­schaft: spür­bare Demut. Kein Wunder, dass sie ihm in Mainz ver­trauen.