Knackt Manuel Neuer als Profi-Tor­wart eines Tages die Alters­grenze von 40 Jahren? ​Da bin ich absolut über­zeugt“, meint Oliver Kahn gegen­über der dpa. Und ver­schaffte Neuer damit mehr oder weniger einen Frei­fahrt­schein. Auch Hasan Sali­ha­midzic erklärte mehr­fach, dass Neuer noch einige Jahre auf höchstem Niveau vor sich habe. Es herrscht Einig­keit in Mün­chen: Auf der Tor­hüter-Posi­tion ist man auch auf Jahre gesehen noch bes­tens besetzt. Tja. Bis vor drei Tagen. Dann brach sich Neuer im Schnee den Unter­schenkel. Seine Saison ist damit gelaufen.

Ver­trag­lich ist er bei den Bayern noch bis zum Sommer 2024 abge­si­chert. Die ver­let­zungs­be­dingte Aus­zeit ist auf ein halbes Jahr datiert, im Sommer 2023 stünde er also wieder bereit. Wel­ches Niveau er dann noch errei­chen kann, weiß zum jet­zigen Zeit­punkt keiner. Einen Stamm­platz wird er den­noch mit ziem­li­cher Sicher­heit für sich bean­spru­chen. Genau da liegt die Schwie­rig­keit der Ver­ant­wort­li­chen. Es macht die Ver­pflich­tung eines Ersatzes so schwer. Denn wer geht schon zu den Bayern, wenn er ab Sommer wieder auf der Bank sitzt? Eine Über­sicht.

Ulreich ist die ein­fachste Lösung

Die ein­fachste Lösung dieses Pro­blems befindet sich bereits im Kader: Sie heißt Sven Ulreich. Er ver­tritt Neuer seit Jahren zuver­lässig, wenn der mal wieder mit Ver­let­zungen zu kämpfen hat. Auch würde sich Sven ​Zu-Null-reich“ in der nächsten Saison ohne zu Meckern wieder auf die Bank setzen. Die Erin­ne­rungen an seinen Patzer im Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2018 gegen Real Madrid sind aber noch immer all­ge­gen­wärtig: Ulreich wusste sei­ner­zeit nicht so ganz, ob er den Kul­ler­ball, der sich auf ihn zube­wegte nun auf­nehmen durfte oder nicht, in all der Panik rutschte er weg und Ben­zema sagte ​Merci“. Real stand im Finale.

Die Frage daher: Kann der FC Bayern mit Ulreich im Kasten das Triple holen? Die Ant­wort: zumin­dest frag­lich. Sollte Ulreich dann mal ein Spiel aus­fallen, steht auch nur noch der 19-jäh­rige Johannes Schenk zur Ver­fü­gung. Er kommt bis­lang auf 19 Spiele in der Regio­nal­liga Bayern.

Nübel wird sich nicht mehr auf die Bank setzen

Nahe­lie­gend wäre des­halb eine Rück­hol­ak­tion von Alex­ander Nübel, der noch bis Sommer an AS Monaco aus­ge­liehen ist. Denn der 26-Jäh­rige steht sowieso noch bis 2025 beim deut­schen Rekord­meister unter Ver­trag. Das Ver­hältnis zu Bayern-Tor­wart­trainer Toni Tapa­lovic gilt jedoch als schwierig. Dazu sagte Nübel im Sep­tember im ​kicker“-Interview: ​Auf keinen Fall kommt für mich infrage, dass ich zurück­komme, wenn Manu noch da ist.“ Nun. ​Manu“ ist ja gerade nicht da.

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Alex­ander Nübel spielte in dieser Saison bei AS Monaco in jedem Spiel von Beginn an. In 15 Liga-Spielen spielte er fünfmal zu Null.

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Falls Nübel also doch zurück­kehrt, müssten die Bayern eine finan­zi­elle Ent­schä­di­gung an Monaco zahlen, ihren eigenen Tor­wart also zu einer von Monaco bestimmten Summe frei­kaufen. Monaco hatte schon Inter­esse bekundet, den Keeper länger binden zu wollen. Und laut ​kicker“ gibt es zusätz­lich Inter­esse aus der Pre­mier League und der Bun­des­liga. Nübel käme ab Sommer also pro­blemlos an einen Stamm­platz. Das können die Bayern ihm wohl kaum bieten.

WM-Held eine Option?

Eine eher zufäl­lige Gege­ben­heit brachte den Namen von WM-Held Dominik Liv­a­kovic ins Spiel. Der Kroate glänzt bei der WM mit inzwi­schen vier gehal­tenen Elf­me­tern. Im Vier­tel­fi­nale gegen Bra­si­lien war Bayern-Boss Oliver Kahn im Sta­dion. Doch nicht wegen des Kee­pers, son­dern wegen eines Tref­fens der Ver­ei­ni­gung der euro­päi­schen Top­clubs (ECA). Dem ehe­ma­ligen Tor­wart wird trotzdem gefallen haben, was er vom kroa­ti­schen Schluss­mann zu sehen bekam.

Der 27-jäh­rige Liv­a­kovic spielt bei Dinamo Zagreb und dürfte sich vor nam­haften Inter­es­senten nach diesen Leis­tungen kaum retten können. Eine Ver­pflich­tung wäre für die Bayern kost­spielig. Auch wenn er laut ​trans​fer​markt​.de“ aktuell noch einen Markt­wert von 8,5 Mil­lionen Euro hat. Auf­grund seines Alters könnte er lang­fristig zum Neuer-Nach­folger wachsen. Und kurz­fristig ist er qua­li­tativ der bes­sere Ersatz als Ulreich. Bayern muss sich also die Frage stellen, ob sich ein teurer Kauf lohnt, falls der zurück­keh­rende Neuer Liv­a­kovic wieder auf die Bank ver­drängt.

Navas oder Sommer wei­tere Kan­di­daten

Der Name Keylor Navas, aktuell PSG-Ersatz­tor­hüter, wird eben­falls gehan­delt. Der erfah­rene Costa Ricaner, der im für Ulreich schick­sal­haften Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2018 im Real-Kasten stand, hat noch immer inter­na­tio­nale Klasse. Er ist aller­dings schon 35 Jahre alt und Bayern müsste ihm ansatz­weise PSG-ähn­liche Bezüge bieten. Einen ähn­li­chen Alt­meister zogen die Münchner schon 2014 mit Pepe Reina an Land. Der kam damals nur auf drei Spiele. Ein Schicksal, das Navas nicht drohen würde. Offen ist, ob PSG seinen Ersatz­tor­hüter dem kom­menden Ach­tel­final-Gegner in der Cham­pions League zur Ver­fü­gung stellt.

Anders sieht das bei Mön­chen­glad­bachs Tor­hüter Yann Sommer aus: Sein Ver­trag endet im Sommer. Wenn die Fohlen mit ihm noch eine Ablöse erzielen wollen, dann jetzt. Könnte Sommer der Ver­füh­rung wider­stehen, bei den Bayern eine Rück­runde die Nummer 1 zu sein? Immerhin ist er schon 33 Jahre alt und stünde auf einmal am Höhe­punkt seiner Kar­riere. Kehrt Neuer zurück, müsste er es sich wohl auf der Bayern-Bank bequem machen. 

Unfrei­willig müssen die Bayern also jetzt eine Ent­schei­dung treffen, wie sie die Tor­hü­ter­po­si­tion kurz­fristig (und lang­fristig?) besetzen. Es stellt sich die Frage, ob Neuer Teil des Pro­blems oder der Lösung ist.