Als die Verpflichtung von Vincent Kompany im Sommer 2006 publik wurde, konnten sich Dietmar Beiersdorfer und Bernd Hoffmann, die den Coup eingefädelt hatten, vor Gratulanten und Schulterklopfern kaum retten. Zwar hatten sie zehn Millionen Euro für den Defensivspieler vom RSC Anderlecht hingeblättert und so tief in die Vereinstaschen gegriffen wie noch nie jemand zuvor beim HSV, aber das war in jenem Sommer, in dem ein Wind des Aufbruchs den Volkspark umwehte, nebensächlich. Der damals 20-Jährige galt als das größte Talent des belgischen Fußballs seit Enzo Scifo – eine Meinung, die nicht nur in Belgien populär war, sondern auch in den Manageretagen und auf den Trainerbänken englischer Topklubs vom Kaliber Arsenal London oder Manchester United vorherrschte. Kompany, so schien es, war nicht nur ein adäquater Ersatz für den nach München abgewanderten Daniel van Buyten, Kompany verkörperte die Hoffnung, gemeinsam mit Rafael van der Vaart eine neue Ära in Hamburg einzuleiten. So lächelten Dietmar Beiersdorfer und Bernd Hoffmann kein PR-Lächeln, als sie Ende Juli 2006 mit Kompany für die Hamburger Presse posierten. Sie lächelten wissend. Und Kompany hielt stolz sein Trikot mit der Nummer »10« in die Kameras.
Es war der 29. Juli 2007, als der Stern von Vincent Kompany über dem Volkspark leuchtete – so stark wie nie mehr danach. Ein Jahr stand der Belgier beim Hamburger SV nun bereits unter Vertrag, indes gespielt hatte er in der Bundesliga ganze sechs Mal. Die ersten drei Monate tingelte Kompany in einer verknoteten Schleife zwischen medizinischem Zentrum, Trainingsgelände und Stadion umher. Sporadisch kam er zum Einsatz, im November 2006 musste eine Entzündung an der Achillessehne mit einem operativen Eingriff behandelt werden. »Vincent wird voraussichtlich vier bis sechs Wochen ausfallen«, sagte HSV-Mannschaftsarzt Dr. Oliver Dierk damals. Es wurden acht Monate. Acht Monate, in denen er in der Kurve fast vergessen wurde.
Wie der junge Beckenbauer
Doch an jenem 29. Juli 2007, im UI-Cup-Spiel gegen den FC Dacia Chisinau, eine Mannschaft aus Moldawien, steht Kompany wieder auf dem Rasen in der HSH-Nordbank-Arena, erstmals seit dem 28. Oktober 2006, seit dem Heimspiel gegen Hannover 96. Und nun zelebriert Vincent Kompany Fußball, endlich, er versprüht eine Eleganz, die Zungen schnalzen lässt. Auf der Tribüne ist man sich schon nach wenigen Minuten einig: Selten sah man in den letzten Jahren einen spielintelligenteren Abwehrmann beim HSV, einen, der blitzschnell antizipieren kann, der aus der zweiten oder dritten Reihe nach vorne sprintet, der den Doppelpass sucht – nicht so unbehände und übereifrig wie Lucio, eher wie der junge Franz Beckenbauer; nur in schnell. Aber Kompany tänzelt nicht nur, er ist sich nicht zu schade für stumpfe Abwehrarbeit, er sucht den Zweikampf, grätscht Bälle ab, er dirigiert. In der 50. Minute krönt er seine Leistung mit einem sehenswerten Volleyschuss in den Winkel. Doch in dieser Partie wird auch eines offenbar: Seine Mitspieler sind von seinem Spiel oftmals überfordert.
Ein Jahr nach Chisinau, Allianz-Arena in München: Vincent Kompany kauert auf der Ersatzbank, schaut auf den Boden, selbst in der Zeit, als er mit Krücken zu den Heimspielen des HSV humpelte, schien er besser gelaunt. In der 52. Minute bekommt er von Martin Jol ein Zeichen; es geht los, Reinhardt hat sich verletzt. Einige Minuten scheint das Spiel an Kompany vorbeizulaufen, doch dann blitzt dieses alte Bild kurz auf, ein unnachahmlicher Vorstoß, der schnelle Flachpass auf Guerrero, Kompany schwebt wieder, er steht längst am Strafraum, erwartet das Rückspiel des Peruaners, doch der sieht ihn nicht, sucht händeringend einen anderen Mitspieler. Kompany flucht, in sich hinein, in den Rasen, in die Luft. Dann lässt Kompany den Kopf hängen und trottet in die eigene Hälfte zurück. Wie so häufig in der letzten Saison ordnet sich Kompany unter, sein Spiel zerfasert in der Grauheit der Defensive. Nach Aufbruch riecht hier nichts mehr.
Ein Belgier in China
Gegen 23 Uhr verlässt Kompany die Allianz-Arena, zerknirscht. Mit Journalisten will er nicht sprechen, denn die verdrehen eh alles. Das sagte Kompany vor einigen Wochen, als er nach Peking abreiste und partout nicht zurückkehren wollte. Der Prinz aus Anderlecht, eine Diva, die seit seiner Ankunft in Hamburg keinen Rat annehmen will. Nein, die pure Vernunft darf bei Vincent niemals siegen. Er hört auf sein Herz. Im knallharten Profigeschäft dürfte das nicht immer die beste Entscheidung sein.
Seit seinem ersten Auftritt im HSV-Dress gebärdet sich Vincent Kompany wie ein beleidigter Junge, der in seiner Schultüte nur Äpfel und Vollkornkost fand, während alle anderen mit ihre Händen in bunte Candys und Schokolade griffen. Dabei bekommt Kompany seit seiner Ankunft diese Candys, nur: er merkt es nicht. Selbst die Reise nach China wurde ihm gewährt, zumindest für die ersten zwei Vorrundenpartien sollte Kompany für sein Land spielen dürfen – alles für ein bisschen Harmonie, ein bisschen Frieden vor dem Bundesligastart, denn ein Tohuwabohu wie bei Schalke oder Werder wollten Beiersdorfer und Hoffmann vermeiden. Zumal der van-der-Vaart-Transfer die Gemüter schon zu genüge erhitzt hatte.
Kompany fliegt also nach Peking, doch es läuft anders als erhofft: Im ersten Spiel grätscht er in der 72. Minute Diego um, bekommt Rot, im Gegenzug fällt das 0:1 – dabei bleibt es. Gegen China muss Kompany pausieren. Danach packt Kompany nicht seine Koffer, er hofft auf seinen Einsatz im letzten Vorrundenspiel. Erst als Hoffmann anruft und ihn nach Hamburg beordert, kündigt er widerwillig seine Heimreise an. Kurze Zeit später informiert der belgische Verband, dass Kompany »Passschwierigkeiten« habe, sein Flugzeug in Shanghai hat er zu dem Zeitpunkt schon verpasst. Eine Seifenoper, die an den plötzlichen Schwächeanfall von Khalid Boulahrouz vor zwei Jahren erinnert.
Kompany windet sich nach seiner Rückkehr um Mikrofone, nörgelt beleidigt, er selbst sei in der Vergangenheit zu höflich, ja, viel zu nett gewesen. Über ihn sei »total einseitig« berichtet worden. Alle gegen Kompany, der von sich immer noch glaubt, er fülle diese Rolle, die ihm einst zugeschrieben wurde, ideal aus: Er, der Nabel des Teams, der geniale Spieler, um den eine neue Mannschaft entstehen sollte, der Prinz, der den Glanz und die Eleganz zurück nach Hamburg bringen sollte. Dabei haben sie ihn dort längst wieder vergessen. Die 22 Spiele in der letzten Saison wirken in der Rückschau wie Fragmente, wie Mosaikstückchen. Doch nicht wie die eines Riesenwerks, sie sind kein Teil einer Geschichte, Kompanys Spiele beim HSV sind vielmehr unzählige unterschiedliche und wild collagierte Flicken. Dass er nun zu Manchester City wechselt, scheint in Hamburg daher kaum noch jemanden zu interessieren. Es wird kaum etwas bleiben, kein Vakuum im Abwehrzentrum, nicht mal der Nachhall des Medienrummels um seine Person. Einzig diese zerstückelten Bilder eines technisch begnadeten Spielers, der, wenn der Kopf frei war und seine Mitspieler ihn ließen, über den Rasen im Volkspark schweben konnte. Doch findet er keinen Frieden in der Premier League, wird auch dieses Bild allzu schnell vergilben.