Klar, man kann das als Witz abtun. In der Stunde der Not kommt die pompös „Task Force Nationalmannschaft“ benannten Gruppe älterer weißer Herren gerade mal auf die Idee, einen aus ihren Reihen zum DFB-Sportdirektor zu machen: Rudi Völler, 62, Ruheständler aus Leverkusen. Mit Innovation und Aufbruch zu neuen Ufern hat das nichts zu tun, und weil Völler den Job auch nur bis zur Europameisterschaft 2024 in Deutschland machen soll, wirkt das wie Auf-Zeit-spielen. Eine B‑Lösung ist er auch, weil Hertha BSC vom DFB ein zu hohe Ablöse für Fredi Bobic forderte. Da darf man schon mal lachen.
Oder man lässt es sein. Denn es geht gerade gar nicht um die Modernisierung des deutschen Fußballs und weitreichende Konzepte. Vor allem braucht es einen Stimmungsumschwung um die Nationalmannschaft, denn auf die Europameisterschaft im nächsten Jahr gibt es bislang Nullkommanull Vorfreude. Und da ist Völler im Grunde eine richtig gute Idee, vor allem wenn man sich die Defizite von Oliver Bierhoff in Erinnerung ruft. Dem darf man sicher zubilligen, dass er als DFB-Sportdirektor viele und gute Modernisierungen auf den Weg gebracht hat, von denen die DFB-Akademie auch steinernes Zeugnis ist. Aber Bierhoff hatte nie eine Gefühl für die Sehnsüchte des Publikums, das sich nicht zuletzt seinetwegen immer mehr vom Nationalteam entfremdete.
Der volksnahe Völler soll dem Volk das Nationalteam wieder näher bringen
Bei Völler ist das anders. Es gibt vermutlich niemanden, der diesen gutmütigen Zwinkerer – mit der kalkulierbaren Neigung zum Jähzorn – nicht mag. Von ihm ist immer etwas Warmes, Nahbares und Verlässliches ausgegangen, der der Welt gerne mit hochgereckten Daumen begegnete. Heulen mit Andi Brehme, Tante Käthe, es gibt nur einen Rudi Völler, Wutausbruch bei Waldi Hartmann, man könnte noch ein gutes Stück weiter machen. Jedenfalls gab es in den letzten Jahrzehnten kaum einen, der so populär war wie Völler. Im Grunde geht es gerade also um einen Imagetransfer: Der volksnahe Völler soll die Nationalmannschaft dem Volk wieder näher bringen.
Man würde ihm aber Unrecht tun, wenn man übersieht, dass er auch inhaltlich was einzubringen hat. Er hat über mehr als zwei Jahrzehnte mit dazu beigetragen, dass Bayer Leverkusen fast durchgängig ein Spitzenverein war. Er hat dabei mit vielen Trainern gearbeitet, weiß auch was über Nachwuchsarbeit und Strukturplanungen. Er kennt die Nationalmannschaft als Spieler und Trainer, und auch wenn dieses Wissen aus einer anderen Zeit stammt, dürfte es ihm am Gespür für das nicht fehlen, was gerade gebraucht wird. Tja, so lustig es auch klingt, für diese Situation gibt es nur einen wie Rudi Völler.