Jason und Mirco von Juterczenka, wie ist es, das eigene Leben auf der Leinwand zu sehen?
Jason: Ich habe schon immer davon geträumt, mich selbst zu treffen.
Mirco: Deine Bescheidenheit wird durchweg gut ankommen! (Beide lachen)
Jason: Es gab aber auch andere Momente: Als ich das Castingvideo meines Hauptdarstellers Cecilio von einer Situation sah, die wir genauso erlebt hatten, war ich wieder richtig sauer auf Papsi!
Was war das für eine Situation?
Jason: Wir waren im Bord-Bistro eines Zuges und ich hatte mir Nudeln mit Tomatensoße bestellt. Nun habe ich die Regel, dass die Nudeln die Soße nicht berühren dürfen, was sie in diesem Moment taten. Gleichzeitig gab es jedoch auch die Regel, dass kein Essen entsorgt oder geteilt werden darf. Daraufhin schrie ich herum und die Situation eskalierte komplett. Es war ein unauflösbarer Widerspruch.
Von denen es im Leben ja etliche gibt.
Jason: Es kommt selten vor, dass ich in einer derart unausweichlichen Situation bin. Für die meisten Dinge gibt es Lösungen und wenn nicht, kann ich mittlerweile abwägen, was in dieser Situation den geringsten Schaden bringt. Die Welt an sich ist gar nicht so voll von Widersprüchen, meist sind es die Menschen, die widersprüchlich handeln. Ich stehe sehr selten im Konflikt mit Fakten, dafür häufig mit Menschen, die unlogisch oder rücksichtslos handeln. Da kommt es dann oftmals zur Eskalation.
Mirco: Gerade die Situation im Zug habe ich jedoch als sehr unangenehm wahrgenommen. Der Film ist da in der Wortwahl sogar entschärft. Bereits in einem sehr jungen Alter von Jason habe ich gemerkt, dass er zu eskalierendem Verhalten neigt. Viele Unbeteilige schauen dann in solchen Situationen ungläubig rüber und sagen: „Dein Sohn redet so respektlos mit dir, was ist denn bei euch schief gelaufen?“ Anfangs war mir das auch noch sehr unangenehm, später war es mir egal, was die Leute sagen oder denken, da es in diesem Moment nur um uns beide geht.
Wie kam es überhaupt, dass eure Geschichte verfilmt wird?
Mirco: Als wir begonnen haben, unsere Erlebnisse in einem Buch aufzuschreiben, bekamen wir sofort mehrere Anfragen von nahezu allen großen Produktionsgesellschaften. Zudem meldete sich Drehbuchautor Richard Kropf bei uns. Mit ihm haben wir telefoniert und uns das erste Mal in einem Café in der Nähe des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks in Berlin getroffen, der dann später auch Drehort wurde. Deshalb hat das Stadion für uns beide und die gesamte Filmcrew einen ganz besonderen Wert.
Was war euch bei dem Film besonders wichtig?
Mirco: Vor allem bei der Erstellung des Drehbuchs hat Jason sehr eng mitgearbeitet, denn uns war besonders wichtig, dass das autistische Spektrum so realitätsgetreu wie möglich dargestellt wird. Da haben wir eine Verantwortung gegenüber allen Autisten. Im Laufe eines Prozesses kommen dann immer mehr Menschen und eine Produktionsgesellschaft dazu, was das Ganze nicht einfacher macht. Wir konnten jedoch immer unsere Bedenken einbringen, die dann auch Berücksichtigung fanden. In einer Szene zum Beispiel bekomme ich aufs Maul. In der ersten Drehbuchfassung waren Fans im Stadion die Täter. Uns ist jedoch auf unseren Reisen nie etwas derartiges passiert. Also haben wir gesagt, dass wir diese Darstellung nicht okay finden. Warum müssen jetzt ausgerechnet wieder Fußballfans diejenigen sein, die uns aufs Maul hauen!? Also wurde diese Szene entsprechend verändert. Insgesamt ist der Film aber sehr nah an der Realität.
Jason, durch deine Geschichte auf der Leinwand bist du jetzt vielleicht eine Art Role Model für Autismus. Wie gehst du damit um?
Jason: Ich fühle mich grundsätzlich wohl damit, weiß aber auch, dass das mit einer sehr großen Verantwortung verbunden ist. Grundsätzlich ist das Autismus-Spektrum zu groß, um von meinen Eigenschaften und Verhaltensweisen auf andere zu schließen. Da ist die Breite genauso gegeben wie bei neurotypischen Menschen. Was ich mir jedoch definitiv von dem Film und meinem Beispiel erhoffe ist die Anerkennung, dass es zwar nicht heilbar ist, aber auch nicht geheilt werden muss. Denn obwohl es eine Behinderung ist, kann es in anderen Momenten auch eine Behilflichkeit sein. Vielleicht kann der Film dazu beitragen, dass Autismus weniger rein defizitär, sondern emphatischer betrachtet wird.
Die Wochenendrebellen
Mirco von Juterczenka und sein autistischer Sohn Jason sind die Wochenendrebellen. Gemeinsam touren sie durch die Stadien dieser Welt, um den richtigen Verein für Jason zu finden. Darüber erzählen sie in ihrem Blog, in Podcasts, in einem Buch – und nun auch in einem Kinofilm. Alle Informationen über die beiden gibt es auf wochenendrebell.de.
Schon seit vielen Jahren fahrt ihr als Wochenendrebellen zusammen zum Fußball, um einen Lieblingsverein für Jason zu finden. Was ist eigentlich das Tolle am Groundhopping?
Jason: In erster Linie natürlich die Stadien. Die machen einen Verein aus, die Erinnerungen daran bleiben sehr lange. Für mich ist da das Bleibende entscheidend, wie die Fans oder die Geschichte und Tradition des Vereins und nicht unbedingt das Spielerische. Ich könnte jetzt spontan wahrscheinlich keine zwanzig Spieler aus der Bundesliga aufzählen. Zudem habe ich ein besonderes Faible für skurrile Details in einem Stadion wie die einklappbaren Flutlichtmasten in Babelsberg oder die analoge Anzeigetafel bei Union. Auch die Anreise mit dem Zug ist immer wieder schön.
Mirco: Mir ist es vor allem wichtig zu sehen, wie Jason sich freut und dabei aufgeht. Während er sich jedoch vor allem die Details merken kann, bin ich sehr am sozialen Miteinander der Fans interessiert. Das war für mich auch die größte Lehre auf den Touren mit Jason: Wie intensiv sich Menschen trotz Erfolg oder Misserfolg im Fußball miteinander connecten können.
Du hättest ohne Jason also nie zu dem Hobby gefunden?
Mirco: Nein, sicher nicht. Ich war, bis ich 16 war, aktiver Fußballer. Dann bin ich in die Gastro gegangen und mit der Karriere war es vorbei. Regelmäßiger Stadiongänger war ich vor Jason nicht. Wobei wir uns auch heute nie als Groundhopper bezeichnen würden. Da gibt es sicherlich ganz andere, die über 150 Spiele in zehn Jahren nur lachen können.
Jason: Ich würde uns schon so bezeichnen! Es steht ja auch so auf unserem Blog.