Sie könnte etwa so lauten:
„Bayern gewinnt Champions League – Kahn tritt ab!“
Man soll fa die Feste feiern, wie sie fallen, heißt es. Und man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist. – Sollte der FC Bayern München dieses Jahr den zuletzt in weite Ferne entrückten CL-Titel gewinnen, dann ist Kahn bereit zu gehen. Endgültig. Der letzte Triumph seiner aktiven Karriere wäre ein gut denkbarer Zeitpunkt, um das Rampenlicht rechtzeitig und ehrenvoll zu verlassen. Ein Oliver Kahn will sich nicht nachsagen lassen, er hätte den Absprung verpasst. Timing war einst seine Stärke, bevor ihm das Leben ein wenig aus den Händen glitt wie Ronaldos Schuss im WM-Finale 2002. In seiner Biografie Nummer Eins schreibt Kahn dazu:
„Nach der verlorenen Weltmeisterschaft hatten mich die Japaner genau beobachtet. Wie reagiert der Kahn in einem seiner schwersten Momente? Wahrt er sein Gesicht, wie es die Samurai zu tun pflegten? Oder läuft er davon, um sich zu verkriechen? Am liebsten hätte ich das nach dem Schlusspfiff auch tun wollen. Aber das war natürlich unmöglich. Ich durfte den Platz nicht verlassen und musste bei der Siegerehrung mit ansehen, wie der Gegner seinen Pokal überreicht bekam.“
Einen Samurai nannten ihn nur die wenigsten in Deutschland. Harald Schmidt zog vor Jahren einen tierischen Vergleich, der sich wie Lauffeuer ausbreitete und nicht einmal vor Stadiontoren Halt machte. Wahrscheinlich konnte sich das Bild hier am besten manifestieren. Man kennt die hohlen Dschungelrufe, oftmals in Begleitung eines Bananenregens. Als sich Oliver Kahn eines Tages überraschend die Frucht schnappte und gespielt genüsslich verspeiste, nahm der den Spöttern die Spitze – selbstironisch, wie er es leider zu selten tat. Dass er dieselbe Frucht selbst einmal als Geschoss für sich entdeckte, immer wieder zu Wutausbrüchen und Kung-Fu-Einlagen neigte, Nasenlöcher von Gegenspielern inspizierte… – King Kahn wie er leibt und lebt. Er wankt wie „ein Turm im Sturm“ und fällt dennoch nicht. Auch nicht nach dem Lapsus gegen Brasilien.
Samurai oder Gorilla?
„Es war tatsächlich einer der schwierigsten Augenblicke in meinem Leben. […] Es war der Moment, in dem man als Sportler fast sterben möchte. Mich nach dieser Niederlage zu erholen, war eine mentale Höchstleistung. Die Verhaltensweisen der Samurai haben mir dabei sehr geholfen. […] Dem Samurai geht es aber nicht allein um die Weiterentwicklung als großartiger Kämpfer und mutiger Mensch, sondern auch um sein geistiges Fortkommen.“
Irgendwas stimmt da nicht – an einen Samurai erinnert Kahn nun wahrlich nicht. Aber der Ausdruck – von wem auch immer in die Feder diktiert – „geistiges Fortkommen“ führt uns zum Ausgangspunkt zurück, auch weil es hier nicht nach vorzeitigem Nachruf klingen soll. Oliver Kahn hat lediglich verkündet seine Torwarthandschuhe aller spätestens 2008 an den Nagel zu hängen, es sei denn, die obige Schlagzeile gewinnt nächstes Jahr tatsächlich an Gültigkeit. Er wird nicht aus der Welt sein. Im kicker-Interview sagte er weiterhin, dass sich nichts mehr schwer anfülle, dass es sehr befreiend sei, nicht mehr den dauernden Druck zu verspüren, und dass er selbst die WM 2006 in bester Erinnerung behalten werde. Kahn hat schon viele überrascht, die versuchten, ihm einen Stempel aufzudrücken. Geistiges Fortkommen. Er hat sich – für viele undenkbar – bei der WM mit der Nummer Zwölf auf dem Rücken arrangiert und dem reichen Griechen – für viele ein Muss – nicht auf die Nase gehauen, als dieser sich anschickte seine Liebste Verena anzubaggern. Warum also nicht in Zukunft, wenn er mehr Zeit im Ausland und abseits des Platzes verbringen wird, eine Schlagzeile wie diese:
„Kahn wird Samurai – ein ungewöhlicher Traum geht in Erfüllung!“