Die ARD hat am Dienstag eine der größten Chancen der jün­geren Fern­seh­ge­schichte ver­passt: Wal­demar ​drei Wei­zen­bier intus“ Hart­mann wurde leider nicht im West­fa­len­sta­dion gesichtet und auf Rudi Völler los­ge­lassen. Er hätte den alten neuen Bun­des­trainer aber auch gar nicht so in Rage bringen können wie im Sep­tember 2003. Denn Deutsch­land gewann das Spiel gegen die Fran­zosen mit 2:1, man könnte sogar argu­men­tieren, dass die DFB-Elf die bes­sere Mann­schaft war. Die Frage an die Herren Neu­en­dorf, Watzke und Co. ist fast logisch: Sollten Völler, Wolf und Wagner nicht doch erst einmal wei­ter­ma­chen? Was sich anhört wie eine schlechte TV-Anwalts­kanzlei, könnte bei näherer Betrach­tung näm­lich genau das sein, was der DFB so drin­gend sucht. Jeder der drei ein Puz­zle­stück, um wieder Erfolg und Begeis­te­rung zu erzeugen.

Die Men­schen mögen Rudi Völler“. Was Gerd Gottlob am ARD-Mikrofon aus­sprach, ist wahr­schein­lich sogar wahr. Laut den immer wie­der­keh­renden ​Rudi“-Rufen im Dort­munder West­fa­len­sta­dion scheint es, als wäre der neue Hei­land des deut­schen Fuß­balls ein­ge­troffen. Den braucht es viel­leicht auch. Der DFB steckt in einer Krise wie selten zuvor. Die Vor­freude auf Län­der­spiele ist so gering wie seit, nun ja, Völ­lers letzter Amts­über­nahme nicht mehr. Allein der ergeb­nis­tech­ni­sche Nega­tiv­lauf der Natio­nal­mann­schaft reicht aus, um das Inter­esse an sel­biger zu ver­lieren. Von den letzten zwölf Par­tien vor dem Frank­reich-Spiel gewannen die Deut­schen nur drei. Die Gegner waren dabei aller­dings eher fuß­bal­le­ri­sches, Ent­schul­di­gung, Fall­obst. Pas­send gesellt sich zum Unver­mögen auf dem Platz, dass sich alle um die Mann­schaft herum nicht gerade sou­verän prä­sen­tieren (Loo­king at you, Kai Havertz). Wes­halb es jetzt darum gehen muss, die Fans wieder mit ins Boot zu holen. Und genau an diesem Punkt kommt Rudi Völler ins Spiel.

Der Enter­tain­ment-Faktor ist zurück

Er ist einer, der die Leute durch seine bloße Anwe­sen­heit zur Natio­nalelf lockt. Und gleich­zeitig einer, dem viel ver­ziehen wird. Selbst eine ähn­lich trüb kickende Elf wie die unter Flick wird Völler nicht so schnell zum Ver­hängnis. Er hat zu viel geleistet. Als Spieler natür­lich, aber auch als Trainer. Dass er eine fuß­bal­le­risch höchst dürf­tige Natio­nal­mann­schaft von Erich Rib­beck über­nahm und zwei Jahre später ins WM-Finale bug­sierte, bleibt in Erin­ne­rung (Olli Kahn hatte daran natür­lich auch seinen Anteil). Drum­her­um­reden hilft nichts: Völler hat Iko­nen­status. Unan­tastbar wirkt er, nicht weil jedes Wort das Völler spricht, per­fekt gewählt ist, oder weil jede seiner Ent­schei­dungen nach der WM die rich­tige war. Völler wirkt so ein biss­chen wie der ver­schro­bene alte Onkel auf der Fami­li­en­feier, wenn er sich wei­gert zu gen­dern, über Latte Mach­iatto und die Kli­makleber läs­tert. Eine Hal­tung, an der sich die Geister scheiden können, die ihm aber von allen Seiten ver­ziehen wird. . Es ist ganz ein­fach: Die DFB-Elf hat mit Rudi Völler auch wieder einen Enter­tain­ment-Faktor zurück.

Auch die heu­tigen Natio­nal­spieler sind mit ihm groß geworden. Viele erzählten in der ​All or Nothing“-Doku von der WM 2002 als erste Welt­meis­ter­schafts­er­in­ne­rung. Völler wird kein Pro­blem damit haben, die Auf­merk­sam­keit der Spieler bei seinen Anspra­chen zu gewinnen. Er ist Welt­meister und Cham­pions-League-Sieger. Ob und wie sehr Rudi Völler wirk­lich noch inhalt­lich als Trainer geeignet ist, sei mal dahin­ge­stellt. Aber gut: Des­halb war Völler ja auch nie offi­ziell Bun­des­trainer — son­dern Team­chef.

Mit dem Men­schen­fangen allein schafft es der DFB ohnehin nicht wieder in die Erfolgs­spur. Für die EM muss wieder ein tak­ti­sches Kor­sett gefunden werden. Hier kommt Hannes Wolf ins Spiel: Der deut­sche U20-Chef­coach, Direktor für Nach­wuchs­ent­wick­lung und seit Dienstag Co-Trainer der A‑Nationalelf in Per­so­nal­union, bringt laut Jürgen Klopp ​ganz viel Fuß­ball­sach­ver­stand“ mit. Wolf könnte als tak­ti­scher Strip­pen­zieher der DFB-Elf arbeiten und ihr eine Spiel­idee an die Hand geben. In den ver­blei­benden neun Monaten bis zum Eröff­nungs­spiel der EM muss der Fokus darauf liegen, ein­fache, aber funk­tio­nie­rende Sys­teme ein­zu­stu­dieren. Das kann Wolf in diesem Trio in Ruhe erle­digen, ohne sich zu sehr auf die Öffent­lich­keits­ar­beit oder andere Neben­kriegs­schau­plätze kon­zen­trieren zu müssen wie bei seinen letzten Chef­trai­ner­posten.

Das liegt unter anderem auch an Sandro Wagner. Der zweite Co-Trainer von Rudi Völler fühlt sich sicher­lich etwas wohler im Ram­pen­licht als Hannes Wolf. Das hat er schon als Spieler immer wieder unter Beweis gestellt. So kann beim Pro­blem­kom­plex Fan­nähe ein Teil der Lösung eben­falls Sandro Wagner heißen. Denn — und dieses Wort kommt einem beim DFB eigent­lich so gar nicht in den Sinn — Sandro Wagner ist cool. Mit fach­lich guten und zuweilen unter­halt­samen Auf­tritten als Experte und Co-Kom­men­tator hat er sich in Fuß­ball-Deutsch­land viel Unter­stüt­zung gesi­chert. Sicher, manch einem geht sein von Zeit zu Zeit zu sehr gewollt kul­tiges Auf­treten auch gegen den Strich. Aller­dings kann dem DFB etwas Pola­ri­sie­rung nicht schaden. In den letzten Jahren prä­sen­tierte sich der Ver­band eher aal­glatt bis an die Grenze zum kom­pletten Rei­bungs­ver­lust. Mit Wag­ners Ein­stel­lung ließe sich auch einiges an Auf­merk­sam­keit von der Mann­schaft ableiten. Eine Ent­las­tung, die den Spie­lern sicher­lich gut täte. Und Wagner ist eine Figur, mit der sich viele Fans wieder für die Natio­nalelf begeis­tern ließen.

VWW — nach MSN und BBC das neuste Erfolgs­trio im euro­päi­schen Fuß­ball?

Der Bun­des­trainer hat bekannt­lich ein ganz anderes Auf­ga­ben­profil als der ​klas­si­sche“ Ver­eins­trainer. Es geht nicht darum, beson­ders aus­ge­feilte tak­ti­sche Ideen ein­zu­stu­dieren. Die geringe Trai­nings­zeit bedingt ein­fache, aber effek­tive Sys­teme, so waren auch die letzten Welt­meister erfolg­reich. Frank­reich wurde mit einer sta­bilen Defen­sive und indi­vi­duell her­aus­ra­genden Offen­siv­spie­lern Welt­meister, ganz ähn­lich Argen­ti­nien. Die Kom­mu­ni­ka­tion, sowohl nach innen wie nach außen, steht im Vor­der­grund. Ein Teil der Auf­gaben, mit denen Flick schon vor dem WM-Aus über­for­dert schien.

Woran ein ein­zelner Trainer geschei­tert ist, können drei viel­leicht meis­tern. Klar, Flick hatte auch Co-Trainer, die in der Öffent­lich­keit kaum prä­sent waren und daher mit Wolf und Wagner nicht zu ver­glei­chen sind. So ent­steht ein funk­tio­nie­rendes Drei­ge­stirn: Völler als Gali­ons­figur und Attrak­tion in einem, als Moti­vator für Spieler und Fans. Dahinter Hannes Wolf, der sich in Ruhe um tak­ti­sche Belange küm­mern kann und sich nicht darum sorgen muss, wie er Mann­schaft und Öffent­lich­keit hinter seinen Ideen ver­sam­melt. Und schließ­lich Sandro Wagner, Bin­de­glied zwi­schen deut­scher Fuß­balli­kone und den Natio­nal­spie­lern, der Läs­sig­keit ver­spricht in einem ver­staubt wir­kenden Ver­band. Wer will dieses per­fekt aus­ba­lan­cierte Tag-Team zur Ret­tung der Heim-EM schon ein­tau­schen gegen einen tak­ti­schen Zer­denker, der sich Kim­mich per­fekt in der dia­me­tral abkip­penden asym­me­tri­schen Außen­ver­tei­di­ger­rolle vor­stellen kann?

Eine gute Mischung aus Inhalt und ein­fach Ver­trauen geben.“

Völler, Wolf und Wagner könnten auf­fangen, was die am hei­ßesten gehan­delten Kan­di­daten auf den Posten ver­missen lassen. Julian Nagels­manns große tak­ti­sche Exper­tise ist nicht wirk­lich benö­tigt. Thomas Müller hat beim Kicker for­mu­liert, was der DFB-Elf gegen Frank­reich zum Sieg ver­holfen hat: ​Es gab eine gute Mischung aus Inhalt und ein­fach Ver­trauen geben. Es wurde nicht gezau­bert, son­dern wir haben uns auf relativ ein­fache Punkte ver­stän­digt.“ Auch Nagels­mann ist bei den Bayern am Dau­er­druck der Öffent­lich­keit geschei­tert. Einige der Spieler, mit denen er zuletzt bei Bayern nicht gerade eine erfolg­reiche Zeit durch­lebt hat, würde er bei der Natio­nal­mann­schaft wie­der­sehen. Ganz so frisch wäre der Wind, der mit Nagels­mann durch den DFB-Campus ziehen würde, also nicht.

Die Dreier-Kon­stel­la­tion hin­gegen ist die viel­leicht beste Chance auf eine erfolg­reiche und vor allen Dingen begeis­ternde Heim-EM, mag der Wider­stand von Rudi Völler aktuell noch so groß sein. Viel­leicht muss ihn Aki Watzke ein­fach noch ein paar Mal fragen, ihn umgarnen und bei­nahe bitten: Rudi, wär das nicht was für dich?

Wie auch immer sich die DFB-Bosse ent­scheiden: Wer Emre Can dazu bringen kann, mit der Hacke Edu­ardo Cama­vinga zu über­lupfen, sollte zumin­dest eine Chance auf den Job bekommen.