Frank Schmöller hatte sich seinen Jahresbeginn ganz anders vorgestellt. Wie jedes Jahr wollte der gebürtige Hamburger eine Woche Urlaub auf Sylt machen, bevor er nach München zurückkehrt, um seinen Job bei einem Finanzdienstleister wieder aufzunehmen. Zum alten Arbeitgeber war er bereits kurz vor Weihnachten zurückgekehrt, sein Intermezzo als Cheftrainer des Drittligisten 1860 München war aufgrund seiner fehlenden UEFA-Pro-Lizenz ja von vornherein nur als Übergangslösung gedacht. Eigentlich ist er nebenher ja bloß U21-Coach.
Eigentlich. Aber da bei den Münchner Löwen selten irgendetwas normal läuft, erhielt Schmöller zwei Tage vor Silvester einen Anruf von Finanz-Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer. Ob er nicht doch nochmal bei den Profis aushelfen könne, lautete die Frage. Einen neuen Trainer zwischen den Jahren zu verpflichten, war dem Traditionsklub aus München-Giesing nämlich vor allem deshalb nicht gelungen, weil die Position des Sportdirektoren beziehungsweise Sport-Geschäftsführers (die Unterscheidung sollte später noch wichtig werden) ebenso vakant war. Will heißen: Keiner war da, um die Trainerentscheidung zu treffen. Oder einen Laktattest zu organisieren, weshalb sich auch Aushilfskraft Schmöller ganz offen über die nicht ganz professionelle Rückrundenvorbereitung seines Arbeitgebers wunderte. “Überschaubar gut”, fiel dem 57-jährigen dazu als Kommentar ein. Aber wie sollte es auch anders gewesen sein? Immerhin waren die Löwen in den letzten Monaten mit internen Querelen beschäftigt, die selbst für die eigenen Maßstäbe absurde Ausmaße annahmen – auch wenn es mit Christian Werner nun endlich einen neuen Geschäftsführer gibt.
Eigentlich sollte Heldt helfen
Aber erst einmal der Reihe nach. Zum Ende der letzten Drittligasaison, in der der TSV den erhofften Aufstieg klar verpasst hatte, verließ der bisherige Sportchef Günter Gorenzel den Verein. Für die Nachfolge hatte Präsident Robert Reisinger, als Vertreter des e.V. Hauptgegner von Investor Ismaik, eigentlich einen klaren Favoriten: den Ex-Sechzig-Profi und erfahrenen Bundesliga-Manager Horst Heldt. Mitte Juni bereits fand ein Treffen von Reisinger, Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer und Heldt statt. Auf der Autofahrt zurück soll es allerdings zu einem folgenschweren Dialog zwischen Präsident und Geschäftsführer gekommen sein: Laut späterer Aussage Pfeifers soll Reisinger ihn angewiesen haben, der Investorenseite neben Heldt zwei weitere, offensichtlich ungeeignete Kandidaten vorzuschlagen, um Heldts Chancen wiederum zu erhöhen. Geboren war die „Fake-Kandidaten-Debatte“, die im Dezember an die Öffentlichkeit kommen sollte. Pfeifer, der als Gefolgsmann von HAM International gilt, dem Unternehmen welches Ismaiks Anteile hält, und Reisinger kommunizieren seither nur noch per Anwalt und Unterlassungsklagen. Dass Pfeifers Vertrag nun nicht verlängert wird, soll auch Reisingers Werk sein.
Alles ganz schön verworren. Horst Heldt jedenfalls soll seinem Ex-Klub schließlich entnervt abgesagt haben.
Investor contra Verein, die neueste Auflage
Schon damals stand der mögliche Gebrauch der „50+1“ ‑Regel im Raum, welche dem Präsidium die Möglichkeit gegeben hätte, einen Sportdirektor auch gegen den Willen der Investorenseite durchzusetzen. Auf die damit verbundene Eskalation zwischen Verein und 50+1‑Gegner Ismaik, wollten es aber zumindest Robert Reisingers Präsidiumskollegen Heinz Schmidt und Hans Sitzberger (noch) nicht ankommen lassen.
Der nächste Anlauf, das Macht-Vakuum zu beseitigen, ging also von der HAM-Seite aus. Und brachte erstmals den Namen Dr. Christian Werner ins Spiel. Der 42-Jährige verfügt zwar bei Weitem nicht über das Renommee eines Horst Heldt, hatte sich aber als Chefscout bei Waldhof Mannheim einen Namen gemacht. Widerstand kam diesmal allerdings von Vereinsseite, in Person Reisingers, der Werner in einer an die Medien durchgestochenen Mail (wir sind hier schließlich bei einem ordentlichen Chaos-Klub) als untauglich bezeichnete.