So ganz langsam werden wir ein biss­chen nervös. Schon neun WM-Tage sind ins Land gezogen und immer noch keine Spur von John. Genauer: keine Spur von den rüh­rigen Herren, die bei frü­heren Welt­meis­ter­schaften immer fleißig auf der Tri­büne ein Trans­pa­rent mit der Auf­schrift ​John 3:16″ in die Kameras hielten und damit auf eine Bibel­stelle im Johannes-Evan­ge­lium hin­weisen wollten, in der Tröst­li­ches zur Aus­sicht auf ein ewiges Leben für uns Chris­ten­men­schen steht. Das hatte zwar nicht wirk­lich was mit Fuß­ball zu tun, war aber sehr lustig, weil die bibel­festen Akti­visten ihre Arbeit mit hei­ligem Ernst ver­rich­teten. Die Jungs hatten eine Mis­sion und ließen sich auch nicht von­Spaß­vö­geln irri­tieren, die Abwand­lungen wie ​Diego 3:2″ oder ​Lothar 4:1″ in die Kameras reckten.
Vater der Bewe­gung war Rollen Ste­wart, ein Ame­ri­kaner mit reli­giösem Spleen, der das Trans­pa­rent anfangs nur test­weise mit ins Sta­dion geschleppt hatte. Den Höhe­punkt der ​3:16″-Hysterie erlebte Ste­wart bereits im Gefängnis. Als bei der WM 1990 bis zu zehn John-Pla­kate pro Spiel und Sta­dion zu sehen waren, saß Ste­wart ein. Er hatte eine Putz­frau gekid­nappt, um auf den Welt­un­ter­gang hin­zu­weisen.
Seither schwindet die Zahl der Trans­pa­rente stetig. Schon bei der WM 2002 wurde John nur noch ver­ein­zelt gepriesen, und bei der deut­schen WM ist kein ein­ziges 3:16-Plakat auf­ge­taucht. Statt­dessen regiert die Spaß­kultur. Gegen Tri­nidad war wieder das Trans­pa­rent des Eng­län­ders zu sehen, der for­derte: ​Don´t give birth yet, Claire“, frei über­setzt: Claire, unser Baby bitte erst am 10. Juli bekommen.
Sollte es schon früher zur Nie­der­kunft kommen, spendet John 3:16 sicher Bei­stand und Ermu­ti­gung.