Ich erinnere mich noch gut daran, wie unfassbar fußballbegeistert ich schon in meiner Kindheit war. Jeden Tag spielte ich Fußball, bis die Sonne unterging, und schaute mir so viele Spiele im Fernsehen an wie irgend möglich. Jeden zweiten Dienstag und Mittwoch kam das absolute Highlight-Spiel im Free-TV, auf das man zwei Wochen hingefiebert hatte. Es gab die Vorberichte von Männern in Anzügen, und sobald die Hymne ertönte, wusste man: Jetzt ist High Noon angesagt! Und jedes Mal konnte ich kaum glauben, dass das Ende der ersten Halbzeit erreicht war und ich ins Bett musste. Ab dann saß ich heimlich auf der Treppe hinter einem Vorhang, mit Blick aus ganz spitzem Winkel auf den Fernseher, so dass mich meine Eltern nicht sehen konnten. Ich werde nie das Gefühl vergessen, nicht jubeln zu dürfen, weil ich ja eigentlich schon längst im Bett war. Das waren einfach die besten Abende.
Mit Borussia Mönchengladbach mittendrin
Hätte mir damals auf der Treppe jemand gesagt, dass ich eines Tages selbst auf dem Platz stehen würde, während diese Hymne gespielt wird, hätte ich ab diesem Moment keine Minute mehr geschlafen. Und eigentlich kann ich es immer noch nicht so recht fassen: Ich bin mit Borussia Mönchengladbach mittendrin – in der Champions League. Die Königsklasse ist für mich heute wie damals etwas ganz Besonderes. Damit sind nicht einmal die neunzig Minuten auf dem Platz gemeint. Jeder, der Fußball gespielt hat, weiß: Wenn das Ding angepfiffen ist, ist jedes Spiel gleich. Aber das ganze Drumherum ist einfach magisch. Es fängt schon bei den Bällen an. An den Tagen vor einem solchen Spiel trainieren wir mit den Champions-League-Bällen. Allein die Sterne darauf lassen einen den Unterschied regelrecht spüren. Früher auf der Straße spielten wir mit einem gefälschten Champions-League-Ball. Das war damals schon das Geilste überhaupt.
Die Königsklasse macht schon vor dem Spiel etwas mit dir. Die mediale Aufmerksamkeit ist eine andere. Es ist immer ein Flutlichtspiel. Die ganz Großen kommen. Vor wenigen Wochen stand der vielleicht coolste Bus mit dem ehrwürdigsten Logo der Welt vor dem Borussia Park – Real Madrid war gekommen. Große Namen stiegen in maßgeschneiderten Anzügen aus dem Bus, und sofort verwandelte sich die Atmosphäre. Es ist respekteinflößend, wenn Real Madrid auftritt. Und ein Auftritt war es wirklich. Man kommt sich kleiner vor und macht große Augen, wenn der Borussia Park von dieser königlichen Aura überstrahlt wird. Dann treten diese Persönlichkeiten zum Warmmachen auf den Platz, voll von beeindruckendem Selbstvertrauen. Aber ich mag die Rolle des Underdogs. Sie hilft dir, im Spiel auch mal schwierige Phasen, in denen du nicht bestimmend bist, vom Kopf her leichter zu überstehen. Weil das Schwierige gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner, der letztlich gar nicht so übermächtig ist, ganz normal ist.
Gänsehaut und Adrenalin
Ja, und dann stehe ich da. Die Hymne wird gespielt und da ist es wieder. Das gleiche Gefühl wie in meiner Kindheit vor dem Fernseher. Eine angenehme Gänsehaut geht über den ganzen Körper. Das Adrenalin steigt. Und ich weiß, jetzt gleich beginnt ein besonderes Spiel – mit dem Unterschied, dass ich nicht nach der ersten Halbzeit ins Bett muss …