Dass ich über­haupt an der WM 1970 teil­nahm, ist schon ein halbes Wunder. Denn ich bin erst mit 18 Jahren Tor­wart geworden. Zuvor war ich rechter Ver­tei­diger, doch meine Mutter sagte eines Tages: ​Junge, du kommst immer so abge­hetzt nach Hause. Gibt‘s nicht auch eine Posi­tion, auf der du nicht so viel laufen musst?“ So kam ich zwi­schen die Pfosten, und nur zehn Jahre später fuhr ich mit der deut­schen Natio­nal­mann­schaft nach Mexiko. Ich bin also ein Spät­starter, ein Quer­ein­steiger. Viel­leicht kommt daher meine gewisse Demut gegen­über der Ehre, dass Bun­des­trainer Helmut Schön mich berief – wenn auch nur als Ersatz­tor­wart. Ich konnte die Nummer zwei sein. Will sagen: Ich konnte es ertragen.

Sepp Maier jeden­falls hätte das nicht gekonnt. Er war wahn­sinnig ehr­geizig und hätte es nicht hin­ge­nommen, sich auf die Bank zu setzen. Vor dem Tur­nier brauchte er davor auch gar keine Angst zu haben: Er hatte die Bayern-Lobby und die Medien im Rücken, und zumin­dest für die Kam­pa­gnen der Zei­tungen war Helmut Schön ziem­lich emp­fäng­lich. Sepp war also die unum­strit­tene Nummer eins. Und obwohl ich damals mit Ein­tracht Braun­schweig den Rekord von nur 27 Gegen­toren in einer Saison hielt und auch Teile der Fans für mich als Stamm­keeper waren, konnte ich das akzep­tieren. Eben weil ich nicht schon mein ganzes Leben darauf hin­ge­ar­beitet hatte – und weil ich Sepp sehr mochte.

Aus dem Pool kamen wir wie die Taschen­krebse

Wir waren, das kann ich sagen, echte Freunde. Ich schoss ihn vor den Spielen warm und machte ihm im Trai­ning den nötigen Druck, und er gab mir das Gefühl, dass er mich brauchte. Wir teilten uns sogar ein Zimmer, und Sepp ver­trieb mit seinen Strei­chen, Witzen und Zau­ber­tricks nicht nur mir die Zeit im Mann­schafts­hotel, die manchmal schon recht zäh ver­ging. Heute kann man sich das gar nicht mehr vor­stellen, aber unser ein­ziges Frei­zeit­an­gebot war ein Swim­ming­pool mit 38 Grad warmem Wasser. Da kamen wir raus wie die Taschen­krebse! Ohnehin war es in Mexiko wahn­sinnig heiß, und auf­grund der Höhen­luft musste man das Atmen vor Ort ganz neu erlernen. Die beiden Par­tien gegen Eng­land und Ita­lien, die heute als Jahr­hun­dert­spiele gelten, waren vor allem eine unglaub­liche Wil­lens­leis­tung. Ver­gli­chen mit der heu­tigen Ath­letik waren sie natür­lich nicht gerade rasant. Aber wie die betei­ligten Mann­schaften da bis zum Schluss ackerten und kämpften, das hat auch mich auf der Bank schwer beein­druckt. Leider sind wir dann in der Ver­län­ge­rung gegen Ita­lien raus­ge­flogen. Danach waren alle ein­ge­setzten Spieler schon fast zu erschöpft, um die Nie­der­lage zu betrauern.

Im Hotel sagte Sepp zu mir: ​Horst, ich bin platt. Willst du beim Spiel um Platz drei in den Kasten?“ Eine tolle Geste von ihm, der sich sonst nie ein Spiel ent­gehen ließ, selbst wenn er ange­schlagen war. Er wollte mich damit auch für meine Loya­lität belohnen. Doch leider hatte ich mir einen kon­ta­mi­nierten Eis­würfel in die Cola gelegt und litt seit Tagen an Mon­te­zumas Rache. Wäh­rend des gesamten Tur­niers hatte ich acht Kilo abge­nommen und war in diesem Moment ein­fach nicht mehr im Voll­be­sitz meiner Kräfte. ​Das sagst du jetzt erst mal keinem, auch nicht dem Schön“, meinte Sepp. ​Du gehst ein­fach rein. Und wenn du einen dummen Treffer kas­sierst, dann winkst du, und ich löse dich ab.“

Vor dem Spiel hatte ich kalten Schweiß auf der Stirn

Als vor über 100 000 Zuschauern im Azte­ken­sta­dion die deut­sche Natio­nal­hymne erklang, hatte ich den kalten Schweiß auf der Stirn. Doch ich riss mich zusammen. Diesmal schoss Sepp mich warm, und als ich den ersten Ball parierte, wusste ich: Es geht, ich packe es! Gegen die Uru­gu­ayer, die tra­di­tio­nell unheim­lich kör­per­lich spielten, hatte ich so man­chen harten Luft­kampf zu über­stehen – hier einen Ellen­bogen im Gesicht, dort ein Knie in den Rippen. Aber ich hielt die 1:0‑Führung von Wolf­gang Ove­rath aus der 27. Minute bis zum Schluss fest – auf der Linie, wo ich viel­leicht sogar einen Tacken besser war als Sepp, mit einigen schönen Szenen, im Straf­raum, wo ich meine Schwä­chen hatte, mit ein biss­chen Glück.

Nach dem Spiel drehte ich eine Ehren­runde mit Wolf­gang Weber und Uwe Seeler. Weber trug einen rie­sigen Blu­men­strauß, Seeler schwenkte die mexi­ka­ni­sche Fahne – das ist ein Bild, das ich nie ver­gessen werde. Und es ging noch weiter: Weil die Ita­liener und die Uru­gu­ayer schon ent­täuscht abge­reist waren, luden uns die Bra­si­lianer nach dem gewon­nenen End­spiel zu ihrer Sie­ger­party ein. Wir kamen im vollen DFB-Ornat an, da lachten Pelé und seine Freunde nur, rissen uns die Kra­watten vom Hals und benutzten sie als Stirn­bänder. Eine herr­liche Sause, wir tanzten sogar Samba.

Ich ahnte natür­lich nicht, dass das auch meine Abschieds­fete sein sollte. Obwohl ich erst 28 Jahre alt war, machte ich nie wieder ein Län­der­spiel. In Braun­schweig wurde ich von Bernd Franke ver­drängt und ging zur Ber­liner Hertha, die nach dem Zwangs­ab­stieg in der zweiten Liga ganz neu anfangen musste. Zwar wurde mir vor der WM 1974 noch eine Aus­zeich­nung zuteil, als die Deut­sche Post eine Parade von mir auf eine Son­der­brief­marke druckte, obwohl lebende Per­sonen eigent­lich nicht abge­bildet werden dürfen. Aber Bun­des­trainer Helmut Schön rief mich nie wieder an.

Die beste Nummer zwei, die Deutsch­land jemals hatte

Bei der WM 2006 kam es zu einer his­to­ri­schen Par­al­lele: Wieder flog Deutsch­land im Halb­fi­nale gegen Ita­lien raus. Und im Spiel um Platz drei durfte wieder die Nummer zwei ins Tor, die diesmal Oliver Kahn hieß. Ob Jens Leh­mann ihm das ange­boten hatte, so wie Sepp Maier mir damals, wage ich aller­dings zu bezwei­feln. Beide waren Alpha­tiere und gehören, wie auch Sepp, zu den besten deut­schen Kee­pern aller Zeiten. Ich selbst würde mir, bei aller Beschei­den­heit, einen anderen Titel geben: Ich war viel­leicht die beste Nummer zwei, die Deutsch­land jemals hatte. Weil ich es ertragen konnte.