Ein milder Som­mer­abend, 5. August 2010, im feinen Ham­burger Stadt­teil Har­ve­ste­hude. Patricia Klasnic hat eben mit ihrem Mann tele­fo­niert, der seit zwei Jahren in Eng­land für die Bolton Wan­de­rers spielt und im nahe­ge­le­genen Man­chester lebt. Tochter Fabiana schläft bereits, es ist der Abend vor ihrem vierten Geburtstag, Patricia backt Kuchen, ver­packt Geschenke, dann geht auch sie ins Bett. Gegen 1.10 Uhr schreckt sie hoch, ein Geräusch, eine Fla­sche viel­leicht, irgend­etwas fällt zu Boden. Das Nächste, was sie sieht, ist ein Mann, der sich über sie beugt. Er trägt einen schwarzen Trai­nings­anzug und weiße Hand­schuhe, in der Hand hält er ein Messer. Er zwingt sie, den Tresor zu öffnen, dann fes­selt er sie. Wenig später ist er wieder ver­schwunden. Es fehlen Schmuck und Pokale im Wert von über 100 000 Euro. Ivan Klasnic fliegt am nächsten Tag nach Ham­burg zurück. Die Familie beschließt, aus der Woh­nung aus­zu­ziehen. Bis heute ist der Fall nicht auf­ge­klärt.

Knapp drei Monate danach, am 27. Oktober 2010, stehen Poli­zei­be­amte um 5 Uhr mor­gens vor einem Apart­ment in Man­chester. Sie suchen, so steht es später in einer Pres­se­er­klä­rung, nach einem ​30-jäh­rigen Mann, der ver­däch­tigt wird, ein 17-jäh­riges Mäd­chen ver­ge­wal­tigt zu haben“. Sie suchen Ivan Klasnic. Doch der ist nicht zu Hause. Erst im Laufe des Tages wird er fest­ge­nommen. In den nächsten Wochen muss er mehr­mals vor Gericht aus­sagen. Im Februar 2011 wird die Klage fal­len­ge­lassen, das Mäd­chen gibt zu, dass sie den Spieler beschul­digte, weil sie sich von ihm abge­wiesen fühlte.

Es war eine beschis­sene Zeit

Zwei Geschichten über Ivan Klasnic, die irgend­wann im medialen Rau­schen unter­gingen. Über den Aus­gang der Ver­ge­wal­ti­gungs­klage wurde in Deutsch­land nicht mal mehr berichtet. Für Ivan Klasnic, der in Eng­land gerade so etwas wie den Spaß am Spiel wie­der­ent­deckt hatte, war es aller­dings, als lade jemand ton­nen­schwere Blei­platten in seinen Ruck­sack, in dem eh kaum noch Platz war. Manchmal hat er sich ohn­mächtig gefühlt, manchmal alleine. ​Man darf nicht zeigen, dass einen solche Dinge belasten“, sagt der 31-Jäh­rige heute, Ende Oktober 2011, ​doch natür­lich war es eine beschis­sene Zeit.“

Ivan Klasnic sitzt in einer Bar im 23. Stock des Beetham Towers, dem höchsten Gebäude in Man­chester. Bei klarem Wetter kann er von hier bis hin­über nach Bolton gucken. Ges­tern hat er dort mit den Wan­de­rers 0:2 gegen Sun­der­land ver­loren. Klasnic ist der beste Tor­schütze im Team, doch in diesem Spiel saß er 65 Minuten auf der Bank. Sein Trainer Owen Coyle hatte ihm nach einem Platz­ver­weis ein paar Wochen zuvor eine Art Denk­pause erteilt. Früher wäre das schon mal ein Grund für ein paar Tage schlechte Laune gewesen. Nun wischt er sich ein­fach durchs Gesicht, es ist zu viel pas­siert, als dass ihm so etwas die Stim­mung ver­miesen würde. Und über­haupt: Was bedeutet Fuß­ball für einen, der seit vier Jahren mit einer Spen­der­niere lebt und der auf dem Platz hätte sterben können? Der sich seit drei Jahren im Rechts­streit mit den Ärzten seines alten Klubs befindet und als ver­meint­li­cher Ver­ge­wal­tiger durch die ​Sun“ getrieben wurde? Was ist Fuß­ball in diesen Tagen für Ivan Klasnic? Ein Beruf? Eine Fessel? Ein Hobby?

Na, Dicker, war das richtig so?“

Zwei andere Momente in Ivan Klas­nics Leben erzählen die Geschichte über das große und freie Spiel. Ivan Klasnic ist gerade mal 17 Jahre alt, als er seinen ersten Ein­satz für die zweite Mann­schaft des FC St. Pauli hat. Kurz vor dem Anpfiff steht er neben seinem fünf Jahre älteren Mit­spieler Mark Pom­orin. ​Sag mal, wie schafft man es eigent­lich zu den Profis?“, fragt er. Pom­orin über­legt, dann erkennt er den Jungen. Trainer Joa­chim Philip­kowski hat ihn als den neuen 38-Tore-Stürmer aus der Jugend ange­kün­digt. ​Pass auf“, flüs­tert Pom­orin, ​nicht zu viel Ego­ismus, abspielen, dann klappt das irgend­wann schon.“ Ivan Klasnic schießt in dem Spiel drei Tore, seine Kol­legen bekommen kaum einen Ball. Nach der Partie steht er wieder vor Pom­orin: ​Na, Dicker, war das richtig so?“ Der Kol­lege ist für einen kurzen Moment sprachlos, dann nickt er. Man ver­steht sich.

Ein anderes Mal, im Mai 2004, tritt Klasnic mit dem SV Werder beim FC Bayern an. Die Nord­deut­schen können mit einem Sieg die Meis­ter­schaft für sich ent­scheiden. Am Tag zuvor gibt es das übliche Säbel­ras­seln, Uli Hoeneß kün­digt an, man werde die Bremer ​aus dem Sta­dion fegen“. Ivan Klasnic hört nicht zu. Im Hotel sta­pelt er Fleisch­lappen über­ein­ander und über­gießt sie mit Sauce béar­naise. ​Das war immer so: Er aß und aß. Manchmal kratzte er regel­recht den Topf aus“, erin­nert sich sein dama­liger Mit­spieler Valé­rien Ismaël. ​Ich fragte ihn dann oft: Wie willst du morgen spielen?“ Der Kroate zuckt für gewöhn­lich mit den Schul­tern. ​Klappt schon“, sagt er dann. Und es klappt auch dieses Mal: Am Samstag um 15.49 Uhr kann Oliver Kahn einen Steil­pass nicht fest­halten, er fällt Klasnic vor die Füße, der dreht sich, umspielt geschickt den Tor­wart und schießt den Ball ins Tor. Werder ist Meister. Später am Abend tau­melt der Stürmer freu­de­trunken mit einem Pepita-Hut vor eine Kamera des NDR: ​Danke Olli, dass du dich an unsere Absprache gehalten hast.“ Es war viel­leicht das letzte Mal, dass sich Fuß­ball leicht anfühlte, so herr­lich naiv.

Ivan Klasnic wird damals zu einem der begehr­testen Spieler der Bun­des­liga. ​Wer weiß, wo ich ohne die Nieren-OP gelandet wäre?“, fragt er heute. Die Bayern, das bestä­tigt Felix Magath, sind 2005 an ihm inter­es­siert, doch die Gespräche seien irgend­wann im Sande ver­laufen. Ivan Klasnic erin­nert sich genau an jene Tage. Die Anfrage erreicht ihn im Spät­sommer. Der Buttjer aus Ham­burg-Altona steht kurz davor, zum besten Fuß­ball­verein Deutsch­lands zu wech­seln. Doch dann, am 2. November 2005, muss er plötz­lich per Not­arzt ins Kran­ken­haus gebracht werden. Er hat große Schmerzen im Bauch­be­reich, die Dia­gnose: Blind­darm­ent­zün­dung. Wäh­rend der Unter­su­chung fällt den Ärzten erst­mals auf, wie schlecht seine Nie­ren­werte sind. Klasnic sagt Magath ab.

Statt in der Allianz Arena zu spielen, sitzt der Stürmer in Bremen nun häu­figer auf der Bank, in der Rück­runde 2005/06 alleine neun Mal. Die Werder-Ver­ant­wort­li­chen und die Fans erfahren nur das Nötigste, der Spieler hält Details seiner Krank­heit weit­ge­hend geheim. Die Presse schreibt von ​lust­losen Auf­tritten“. Gesund­heit­lich geht es ihm von Tag zu Tag schlechter, doch erst am 23. Januar 2007 wird das Ausmaß seiner Krank­heit öffent­lich. Über die Ver­eins­home­page infor­miert Werder Bremen, dass für Ivan Klasnic ​die Ver­pflan­zung einer neuen Niere erfor­der­lich ist“. Er ist zu dem Zeit­punkt gerade mal 26 Jahre alt.

Die Anklage: Wer­ders Team­ärzte igno­rierten Klas­nics Nie­ren­werte

Ein Grund für die schlechten Nie­ren­werte soll die jah­re­lange Behand­lung des Spie­lers mit Vol­taren gewesen sein, ein gän­giges Schmerz­mittel im Pro­fi­fuß­ball, doch mit seinem Wirk­stoff Diclo­fenac nie­ren­schä­di­gend. Später wird sein Anwalt Mat­thias Teichner beim Bremer Lan­des­ge­richt eine 21-sei­tige Kla­ge­schrift gegen Wer­ders Team­ärzte Dr. Götz Dimanski und Dr. Manju Guha ein­rei­chen. Sie hätten, so der Vor­wurf, die Blut­werte von Ivan Klasnic über Jahre igno­riert und damit bewusst die Gesund­heit des Spie­lers gefährdet. Der Pro­zess dauert bis heute. Es geht um einen Streit­wert von mehr als einer Mil­lion Euro.

Vor dem Bremer Kli­nikum-Mitte spielen sich Ende Januar 2007 tumult­ar­tige Szenen ab, der Platz wird von Fans, von kroa­ti­schen Kame­ra­teams und deut­schen Repor­tern bela­gert. Klasnic, dem hier die Niere seiner Mutter trans­plan­tiert wird, ver­schanzt sich in seinem Zimmer, irgend­wann zieht er nicht mal mehr die Gar­dinen zur Seite. Andert­halb Monate später muss er erneut ope­riert werden, sein Körper hat das neue Organ nicht ange­nommen. Die Zwi­schen­zeit ver­bringt er mit Warten, ver­sucht zu rege­ne­rieren. Am 16. März 2007 soll er eine Niere seines Vaters erhalten. Dieses Mal bleibt der Ort geheim. In einer Han­no­ve­raner Klinik lassen sich Ivan Klasnic und sein Vater unter fal­schem Namen auf­nehmen: Ivan junior nennt sich Ingo Seeler, Ivan senior ist Uwe Seeler. Die Ope­ra­tion ver­läuft erfolg­reich, und wenige Wochen später zeigt sich Klasnic erst­mals in der Öffent­lich­keit. Im Weser­sta­dion hält er ein Plakat hoch, auf dem steht: ​Danke, dass ihr an mich glaubt. Euer Ivan.“

Die ehe­mals heile Werder-Welt ver­wan­delt sich im Inneren indes zu einem Schein­idyll. Klasnic ist wei­terhin Spieler in Bremen, der auf sein Come­back hofft, zugleich aber gehen sich Verein und Spieler über die Presse an. Sport­di­rektor Klaus Allofs zeigt sich etwa über die Pla­kat­ak­tion ver­är­gert, sie sei nicht abge­spro­chen gewesen. Seine Frau Patricia schimpft der­weil auf den Klub, der sich wäh­rend der Lei­dens­zeit kaum um ihren Ehe­mann geküm­mert habe.

Er kniet an der Eck­fahne und dankt Gott

Seine erste Partie nach der Nieren-OP bestreitet Ivan Klasnic im Oktober 2007 in einem Pokal­spiel für Wer­ders zweite Mann­schaft. Es geht gegen seinen alten Klub, den FC St. Pauli, Klasnic ist glück­lich, für ihn schließt sich ein Kreis. Doch noch vor dem Anpfiff droht ihm ein Gegen­spieler: ​Ich weiß, wo ich dir weh tun kann!“ Seine Frau sagt, sie habe Angst bei jedem Zwei­kampf. Aber Klasnic will das Come­back, auch um Dr. Dimanski zu wider­legen, der ihm zum Kar­rie­re­ende rät. Am 15. Dezember 2007 ist Klasnic erst­mals nach seiner Rück­kehr wieder in der Bun­des­liga erfolg­reich. Gegen Bayer Lever­kusen erzielt er beim 5:2 zwei Treffer, am Ende kniet er an der Eck­fahne und dankt Gott.

Heute spricht Ivan Klasnic milde über die Zeit bei Werder Bremen, bei­nahe nüch­tern. Dabei zeich­nete ihn der Bou­le­vard nach der Ope­ra­tion häufig als einen unge­stümen Laut­spre­cher. Klasnic wurde mit Sätzen zitiert wie: ​Die Werder-Ärzte haben Scheiße gebaut. Sie sollen dafür büßen.“ Doch als er dann eines Abends in der Talk­show von Rein­hold Beck­mann sitzt, ist es vor­nehm­lich seine Frau, die spricht. Klasnic wirkt seltsam schüch­tern, in sich gekehrt, irgendwie fremd­ge­steuert. Nur einen Tag später ver­öf­fent­li­chen Werder Bremen und Ivan Klasnic eine Pres­se­mit­tei­lung, die viele als Ver­söh­nung werten. Der Stürmer, der angeb­lich kurz vor dem Raus­wurf steht, schreibt: ​Selbst­ver­ständ­lich (werde ich) die Unter­stüt­zung des Mann­schafts­arztes Dr. Dimanski in Anspruch nehmen.“ Es geht um den Ruf der Werder-Familie und auch darum, die ganze Geschichte, die den Prot­ago­nisten zu ent­gleiten droht, aus den Medien zu bekommen. Zwei Wochen später lehnt Klasnic ein Angebot auf Ver­trags­ver­län­ge­rung ab, das Ver­trauen gegen­über den Ärzten sei nicht mehr vor­handen. Er wech­selt zum FC Nantes, und auch wenn es sport­lich nicht läuft, ist es ein Neu­an­fang in vie­lerlei Hin­sicht.

Flucht nach Frank­reich

Bei den West­fran­zosen erhält er im Sommer 2007 einen Vier­jah­res­ver­trag, der Klub begreift Klasnic nicht als Sport­in­va­liden, son­dern als erfah­renen Fuß­ball­profi. Die Nie­ren­trans­plan­ta­tion ist in den Ver­hand­lungen kaum ein Thema. Gernot Rohr, der wenig später Coach in Nantes wird, kann den welt­weit ersten Fuß­ball­profi mit einer Spen­der­niere trai­nieren wie jeden anderen auch. ​Die Krank­heit belas­tete ihn scheinbar nicht“, sagt Rohr. ​Im Gegen­teil: Er zeigte immensen Willen.“

Zugleich ver­sucht Klasnic, seinen immer schwerer wer­denden Ruck­sack abzu­schüt­teln. Den Kopf frei­zu­ma­chen von all den Schlag­zeilen, von Para­grafen, von Gedanken. ​Auf dem Platz konnte ich das Spiel wie­der­finden“, sagt er. Und auch abseits ver­sucht er, den Lauf der Dinge wieder selbst zu bestimmen. Mit den Bolton Wan­de­rers ver­han­delt Klasnic noch in der Nacht vor einem wich­tigen Liga­spiel. Am nächsten Tag kommt er mit rot unter­lau­fenen Augen in die Kabine. Rohr will ihn prompt aus der Auf­stel­lung strei­chen. ​Trainer, ich kann spielen“, japst Klasnic. Rohr schaut skep­tisch, bringt ihn aber doch. Nach 29 Minuten trifft der Stürmer zum 1:0 gegen Brest.

Damals spielt Klasnic noch mit einem Nie­ren­schutz, wie auch Bas­ket­baller Alonzo Mour­ning, der eben­falls mit einer Spen­der­niere lebt und für ihn ein Vor­bild wird. Er trägt 2005 beim Gewinn der NBA-Meis­ter­schaft eine Ban­dage aus Fiber­glas. So eine bekommt auch Klasnic, sie schützt ihn etwa im Sep­tember 2009, als er mit Kroa­tien gegen Eng­land spielt und John Terry ihm angeb­lich absicht­lich mit der Faust in die ope­rierte Niere boxt.

Neu­be­ginn in Eng­land

In Eng­land hat sich für Ivan Klasnic vieles nor­ma­li­siert, und doch ist alles anders. Er spielt mitt­ler­weile ohne die stö­rende Ban­dage, doch er muss sein Leben lang jeden Morgen und Abend immun­sup­pres­sive Medi­ka­mente nehmen, die ver­hin­dern, dass der Körper das trans­plan­tierte Organ wieder abstößt. Durch die starke Unter­drü­ckung des Immun­sys­tems besteht für ihn aller­dings eine höhere Anste­ckungs­ge­fahr. Schon eine Erkäl­tung kann gefähr­lich werden. Auch des­halb hat er seine Ernäh­rung und sein Trai­ning umge­stellt. Die Zeiten von Pizza und Bra­ten­soße sind vorbei, dafür geht er nun täg­lich in den Kraft­raum. ​Früher kam erst der Fuß­ball, dann die Gesund­heit, heute ist es anders­herum“, sagt er.

Mit der Zeit hat sich Ivan Klasnic zwei Panzer ange­legt. Der eine, die mas­sive Bauch­mus­ku­latur, schützt ihn vor Angriffen auf seine Niere. Der andere, eine über die Maßen selbst­be­wusste Rhe­torik, schützt ihn davor, nach außen als fehlbar und schwach dazu­stehen. Eine Reak­tion auf die Jahre im medialen Fokus. Klasnic war der Profi, über den man alles zu wissen glaubte. Und er war der Spieler, von dem man annahm, sein Körper sei zu fragil für den Pro­fi­sport. Er war der glä­serne Profi und der Mann aus Glas geworden. Heute sagt er Sätze wie: ​Ich bin schneller als früher, weil ich leichter bin.“ Er sagt auch: ​Im Sech­zehner gibt es welt­weit keinen bes­seren Spieler. Da bin ich besser als Didier Drogba.“

Wie passt der unper­fekte Klasnic in die per­fekte Fuß­ball­ma­schine?

Ivan Klasnic weiß, dass er in der Fuß­ball­ma­schine eigent­lich eine Schraube ist, die aus­sor­tiert wird. Er ist Teil eines Geschäfts, in dem alles auf Per­fek­tion aus­ge­richtet ist. Aus der Bun­des­liga gab es nach Bekannt­werden der Krank­heit nur noch vages Inter­esse, und der Klub Wigan Ath­letic soll Abstand von einer Ver­pflich­tung genommen habe, weil er glaubte, dass einem Nie­ren­kranken das nass­kalte Wetter Nord­eng­lands nicht gut bekomme. Nun spielt er in Bolton, 20 Minuten von Wigan ent­fernt. ​Viel­leicht haben die Ver­eine Angst vor mir“, sagt Klasnic. ​Viel­leicht hängt das aber auch mit anderen Dingen zusammen.“

In der Saison 2010/11 erreichten die Wan­de­rers das FA-Cup-Halb­fi­nale und schlossen die Liga auf dem 14. Platz ab, Klasnic wurde meis­tens ein­ge­wech­selt. Ende Oktober 2011 steht die Mann­schaft auf einem Abstiegs­rang. ​Wir haben die Qua­lität für den zehnten Platz“, sagt Klasnic. Ein zehnter Platz mag bieder erscheinen, doch er hat er hier einen anderen Klang.

An trai­nings­freien Tagen fliegt Ivan Klasnic regel­mäßig heim zu seiner Frau und seiner Tochter. Wenn er durch Ham­burg spa­ziert, fragen die Leute, ob er noch Fuß­ball spiele. Andere wollen wissen, wie es seiner Niere gehe. ​Alles gut“, sagt Ivan dann. ​Alles gut!“ Neu­lich kickte er mit der Ama­teur­mann­schaft seines Bru­ders Josip auf einem Asche­platz an der Max-Brauer-Allee. Eine kleine Anlage umrahmt von Nach­kriegs­bauten im Herzen von Altona, dort, wo er auf­ge­wachsen ist und wo seine Eltern heute noch leben. Er setzte gezielte Schüsse in den Winkel und schüt­telte raf­fi­nierte Pässe aus dem Fuß­ge­lenk. Eines Tages will er heim­kehren. Das weiß auch Helmut Schulte, Geschäfts­führer beim FC St. Pauli. Neu­lich ver­sprach er: ​Im Oktober kommt unser Angebot.“ Klasnic, der sich noch zu gut für die zweite Liga fühlt, ant­wor­tete: ​Helmut, mach dir keine Hoff­nungen, der alde Sack kann’s noch. Chelsea hat ange­klopft!“ Schulte grinste, dann sagte er: ​Chelsea? Wer ist das?“ Bei­nahe 15 Jahre waren seit dem ersten Spiel für St. Pauli ver­gangen, in der Zwi­schen­zeit war hier vieles anders geworden, und über sein Leben hatte sich eine blei­erne Schwere gelegt. Doch nun war Ivan Klasnic zurück, und die Zukunft ver­sprach Glück und Leich­tig­keit. Er war für einen kurzen Moment sprachlos.