Benjamin Cortus aus Röthenbach an der Pegnitz ist 31 Jahre alt, Informatik-Kaufmann und ein aufstrebender Schiedsrichter. Einer, von dem man sagt, er könne ein Fußballspiel solide und unaufgeregt leiten. Vor fünf Jahren hat er das erste Mal eine Regionalligapartie gepfiffen, und weil er eine gute Figur machte, folgten danach Einsätze in der Dritten und Zweiten Liga. In der laufenden Saison durfte er sogar einige Male als Assistent bei Bundesligapartien ran.
Am vergangenen Wochenende lief es allerdings nicht gut für jungen Referee. Cortus leitete die Drittliga-Partie 1. FC Heidenheim gegen Darmstadt 98, Fünfter gegen Neunzehnter. Ein Spiel, das in einem Verwechslungschaos mündete. So lautet jedenfalls der Vorwurf aus Darmstadt.
Alles begann in der 53. Minute. Der Darmstädter Aytac Sulu und Heidenheims Marc Schnatterer waren aneinander geraten und hatten zu Recht eine Gelbe Karte erhalten.
Die „Highlander vom Böllenfalltor“
Doch wen hatte Curtus in seinem Notizblock vermerkt? Sulu oder einen anderen Spieler? Vielleicht Mitspieler Benjamin Gorka? Dieser drückte Sulu in dieser Szene zur Seite und tauchte just in dem Moment im Blickfeld von Curtus auf, als dieser den Namen des Verwarnten notierte. Beide Spieler – Gorka und Sulu – sehen sich zum Verwechseln ähnlich: Lange dunkle Haare, groß, breites Kreuz. Der eine trägt die Nummer 20, der ander die 27. Man nennt sie die „Highlander vom Böllenfalltor“.
Der 1. FC Heidenheim führte zu diesem Zeitpunkt 1:0.
Weiter ging es in der 68. Minute. Gorka holte seinen Gegenspieler Florian Niederlechner in der Nähe des Strafraums von den Beinen. Foulspiel, klare Sache. Schiedsrichter Cortus zog die Gelbe Karte – und die Rote gleich hinterher. Die Darmstädter Spieler umkreisten den Schiedsrichter, die gute alte Rudelbildung. Es müsse eine Verwechslung vorliegen, sagten sie, denn nicht Gorka, sondern Sulu war ja zuvor, in der 53. Minute, verwarnt worden.
Drei Spiele Sperre für Gorka
Cortus besprach sich mit seinem Assistenten und schaute dabei immer wieder auf seinen Block. Doch er ließ sich nicht von seiner Entscheidung abbringen. Gorka musste den Platz verlassen. Heidenheim schoss noch zwei Tore, das Spiel endete 3:0. Gorka wurde vom DFB für drei Spiele gesperrt.
Nach dem Spiel verschanzte sich Cortus erst einmal in seiner Kabine. Derweil tobten die Darmstädter Verantwortlichen. 98-Präsident Rüdiger Fritsch sagte direkt nach dem Spiel: „Wir konnten sehen, dass der Schiedsrichter nicht mehr wusste, was er tut.“ Heute will er auf Anfrage von 11FREUNDE nichts mehr sagen, denn der Klub hat Einspruch gegen Gorkas Sperre erhoben.
Tatsächlich ergaben sich nach dem Spiel weitere Ungereimtheiten. Schiedsrichter Cortus sagte etwa, dass eine Verwechslung der Spieler Gorka und Sulu ausgeschlosssen sei. In einem Interview mit dem „hr“ erklärte er: „Gorka bekam die Gelbe Karte für ein Foulspiel. Anschließend hat er mich beleidigt und sah deswegen die Rote Karte.“ Der DFB bestätigt diese Aussage heute auf Anfrage von 11FREUNDE: „Der Schiedsrichter hat erklärt, dass er dem Spieler nach einem Foulspiel zunächst die Gelbe Karte und nach einer anschließenden Beleidigung durch den Spieler dann die Rote Karte gezeigt hat.“
Was denn nun: Beleidigung oder Foulspiel?
Die Fernsehbilder zeigen zwar Mundbewegungen des Spielers, Gorka beteuerte allerdings in der „Frankfurter Rundschau“ seine Unschuld: „Zu 100 Prozent: Ich habe ihn nicht beleidigt.“ Zuletzt bliebe auch die Frage, warum sich der Schiedsrichter wegen einer Beleidigung minutenlang mit seinem Assistenten beraten musste.
Seltsam ist auch die Spielstatistik auf der offiziellen Verbandshomepage dfb.de. Laut dieser hat Gorka in der 68. Minute eine Rote Karte erhalten. Von „Schiedsrichterbeleidigung“ steht hier allerdings nichts. Als Grund ist „Foulspiel“ angegeben.
Das DFB-Sportgericht wird nun über den Einspruch von Darmstadt 98 entscheiden. Wir erwarten einen Urteilsspruch, der mit diesen Worten endet: „…und sage nochmal jemand, Fußball sei ein einfaches Spiel.“