Heim­spiel. In vielen deut­schen Sta­dien ist das längst kein großer Vor­teil mehr. Das nume­ri­sche Über­ge­wicht der eigenen Anhän­ger­schaft wird vie­ler­orts durch eine zwei­fel­hafte Event- Ani­ma­tion mar­gi­na­li­siert. Sta­di­onhits aus der Kon­serve über­dröhnen die Gesänge der Fans, die Wer­be­suppe der Spon­soren wabert durchs Sta­dion und Spaß­vögel mit Mikrofon bestimmen mit lus­tigen Quiz­fragen den Rhythmus der Halb­zeit­pause. Der Heim­vor­teil beschränkt sich dem­entspre­chend auf das Pri­vileg, das Mas­kott­chen am Spiel­feld­rand zu stellen und keine Leib­chen über­ziehen zu müssen, wenn der Gegner mit glei­chen Tri­kot­farben anreist. Im Gegen­satz dazu ent­scheidet in Süd­ame­rika der Heim­vor­teil noch über Sieg und Nie­der­lage. So auch beim Copa Libert­adores Spiel von Colo Colo gegen Boca Juniors. Im Estadio Monu­mental von Sant­iago bestimmt wei­terhin die Fan­kurve den Laut­stär­ke­pegel. Lange vor dem Anpfiff singt sich die berüch­tigte Garra Blanca, die weiße Kralle, von Colo Colo ein. Als die hoch favo­ri­sierten Gäste aus Argen­ti­nien den Rasen betreten, ertönt ein gel­lendes Pfeif­kon­zert. Ich wun­dere mich, dass sich der amtie­rende Welt­po­kal­sieger über­haupt traut, die Kata­komben zu ver­lassen. Einen Gäs­te­f­an­block gibt es eigent­lich nicht. Weit oben, im letzten Eck der Haup­t­ri­bühne hat man den argen­ti­ni­schen Fans ein paar Sitze frei gehalten. Da, wo die Karten das Drei­fache kosten. Sie können ihrer Mann­schaft nicht helfen. Minuten lang steht das Team von Carlos Bianchi einsam und ver­lassen auf dem Rasen und muss Schimpf und Schande von 30000 Chi­lenen über sich ergehen lassen. Dann beginnt die Garra Blanca laut­stark den Auf­tritt der eigenen Mann­schaft zu for­dern. ​Sale, sale, Colo Colo!“ Als die Helden in Weiß den Platz betreten geben die Pyro­tech­niker im Sta­dion ihr Bestes. Aus der Fan­kurve schwappt eine Klo­pa­pier-Lawine aufs Feld, die den Jah­res­ab­satz einer mit­tel­eu­ro­päi­schen Dro­ge­rie­kette bei weitem über­steigt. Der Gesang der Fans ebbt das ganze Spiel über nicht ab. Die Spieler von Boca werden 90 Minuten lang kon­se­quent mit Pfiffen aus­ge­peitscht, wenn sie sich auch nur dem Spiel­gerät nähern. Unter diesen Bedin­gungen kann man aus­wärts gar nicht gewinnen. Nach dem Füh­rungstor der Gast­geber, schau­kelt das ganze Sta­dion zusammen den Sieg nach Hause. Auch die Ball­jungen leisten ihren Bei­trag. Wenn der Ball über die Bande ins Aus geschlagen wird, ist er erstmal für fünf Minuten ver­schwunden. Undenkbar für die Gäste aus Buenos Aires, auf die Schnelle an einen Ersatz­ball ran­zu­kommen. Ein­fa­cher wäre gewesen, sich selbst ein Spiel­gerät zu nähen. Dieser Umgang mit dem Gegner ist selbst­re­dend kein rein chi­le­ni­scher Brauch. Beim WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel zwi­schen Boli­vien und Chile vor zwei Wochen in La Paz, ging die Gast­freund­schaft nicht einmal so weit, die chi­le­ni­schen Hymne abzu­spielen. Das Spiel, das an diesem Tag in Sant­iago statt­findet ist schnell erzählt. Ein Kopf­balltor von David Hen­ri­quez in der 34. Minute bringt Colo Colo in Füh­rung. Kurz vor Schluss erzielt Rolando Schiavi bei­nahe den Aus­gleich, trifft aber nur den Pfosten. Schluss­pfiff. Die beste Mann­schaft der Welt fährt ihre zweite Pflicht­spiel­nie­der­lage in diesem Jahr ein. In Sant­iago werden Erin­ne­rungen an das denk­wür­dige 3:1 im Halb­fi­nale der Copa Libert­adores 1991 wach. In diesem Jahr konnte Colo Colo als erste Mann­schaft den Pott nach Chile holen. Aber bis zum zweiten Titel ist es noch ein holp­riger Weg. Colo Colo steht in der Vor­run­den­gruppe nach fünf Spiel­tagen mit mageren sechs Punkten da. Um über­haupt noch eine Chance zu haben, die Zwi­schen­runde zu errei­chen, muss die Mann­schaft ihr letztes Grup­pen­spiel mit einigen Toren Unter­schied gegen Depor­tivo Cáli gewinnen.