Für einen ewigen Zweiten hat Michael Ballack ordentlich abgeräumt. Vier deutsche, eine englische Meisterschaft, drei DFB-Pokalsiege, drei FA-Cup-Triumphe. Ebenso oft wurde er zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt.
Er war im All Star Team der Weltmeisterschaften 2002 und 2006, sowie der Europameisterschaften 2004 und 2008 vertreten. Und, klar, laut der Zeitschrift „Max“ der „erotischste Sportler“ des Jahres 2002. Obwohl Mehmet Scholl noch spielte.
Und trotzdem haftet Ballack das Stigma des Unvollendeten an. Zwei verlorene Champions-League-Finals, Vize-Welt und ‑Europameister. Diverse zweite Plätze in der deutschen und englischen Eliteliga. Ist er also der Unvollendete oder einfach nur mißverstanden? Und warum stellt sich diese Frage überhaupt?
Ballack träumt von Rico Steinmann, nicht von der Weltmeisterschaft
Geboren in Görlitz, wuchs er im Chemnitzer Vorort Wittgensdorf auf. Der Weg zum Fußball war durch den Vater geebnet, der früher selbst in der dritten Liga aktiv war. Der erste Verein des Filius: die Betriebssportgemeinschaft Motor Fritz Heckert Karl-Marx-Stadt.
Sein Talent fällt sofort ins Auge, im Alter von zehn Jahren wird er von den Funktionären des Ost-Fußballs zum FC Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitzer FC) „delegiert“. Ein Glücksfall für Ballack, der damals, 1986, noch keine Ahnung davon haben kann, dass er zum Kapitän einer gesamtdeutschen Nationalmannschaft ernannt werden wird.
Er träumt nicht von Meisterschaften mit den Bayern oder der Champions League, die es damals noch gar nicht gibt. Er träumt von Einsätzen bei seinem Lieblingsklub. Davon neben seinem Idol, Spielmacher Rico Steinmann (später 1. FC Köln), aufzulaufen. Neun Jahre später wird sein Traum wahr.
Ein Ersatzspieler, in jeder Beziehung unreif?
Rico Steinmann hat da zwar längst das Weite gesucht, doch endlich läuft Ballack für seinen Chemnitzer FC auf. Am Ende der Saison steht der Abstieg aus der zweiten Liga. Eine Saison in der Regionalliga noch, dann wechselt er zum 1. FC Kaiserslautern.
Anfangs tut er sich schwer in der Fremde: „Das war so schlimm, dass ich jedes Wochenende nach Hause gefahren bin, weil ich meine Familie und meine Freunde vermisste. Damals habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, zurück nach Chemnitz zu gehen.“
Er bleibt und hilft mit, die Sensationsmeisterschaft von 1998 zu sichern. Ehe er es sich mit Trainer Otto Rehhagel verscherzt, der ihm nach seinem Transfer zu Bayer Leverkusen hinterher ruft: „Ballack ist ein Ersatzspieler, der in jeder Beziehung unreif ist.“ Auch König Otto konnte sich mal irren.
Der beliebteste und umsatzstärkste Fußball-Werbestar seiner Zeit
Dabei stand er mit seiner kritischen Sicht nicht allein da. Günter Netzer etwa urteilte, Ballack habe nicht das Zeug zum Führungsspieler, Schuld sei die Erziehung in der DDR: „Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt.“
Sein weiterer Karriere-Weg, die Erfolge mit Bayern, Chelsea und der Nationalmannschaft sprechen eine andere Sprache. Später sagte Ballack: „Am Anfang meiner Laufbahn war ich der Öffentlichkeit zu sehr Teamplayer und am Ende war ich zu dominant.“
Er war der ewige Streitfall. Die Verbindung zwischen ihm und dem deutschen Fußball schien immer eher eine Vernunfts- als eine Traumehe. Dabei war er der „Capitano“, der unumstrittene Star seiner Generation, der laut Medieninstituten beliebteste und umsatzstärkste Fußball-Werbestar der Sommermärchen-Jahre.
Und auch Günter Netzer hielt ihn irgendwann immerhin für „den besten Kopfballspieler der Welt.“ Im Oktober 2012 war der Fußballer Ballack dann Geschichte. Und im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die von heute auf morgen raus waren, aber nicht loslassen wollten, nahm er Reißaus.